Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im September 2016

Wettbewerb im September 2016

Im September waren wir in gleich drei Trierer Museen zu Gast: im Rheinischen Landesmuseum, im Museum am Dom und im Stadtmuseum Simeonsstift. Drei Exponate aus der dortigen Nero-Ausstellung sowie Georg Bydlinskis Gedicht „Zwischenvers“ waren eure Inspiration zum Thema „Zwischen Gut und Böse“.

Moabit

Tom Bussemas
2002

An den Straßen dieser Stadt
wachsen viele Wände steil empor
Häuser räkeln sich gen Himmel
beschatten Gassen und Wege
wie Augen schauen die Fenster herab
wie Münder öffnen sich Tore und Durchgänge
hier schlüpfen die Menschen
der heimatlichen Stube entgegen

Eine Straße dieser Stadt
führt an trostlosem Mauerwerk entlang
hoch ist es und stark bewehrt
geschmückt mit geschwungenen Schlaufen
einer Krone gleich
verziert mit scharfen Klingen, die in der Sonne blitzen
Augenlos Münderlos

In den Straßen dieser Stadt
wechselt Licht und Schatten
nicht nur in Tageslauf
und Mondenschein
Wohlwollen und Fröhlichkeit
lassen uns die Schritte beschwingt setzen
Kälte und Gewalt
erschauern und flüchten

Welche Mächte dieser Stadt
urteilen über Gut und Böse?
Welche Zwänge bringen Menschen
hinter Gitter?
Die Gradwanderung
ist mitten unter uns
wie der Knast
Alt-Moabit 12 A

In diesem Bau
eine Diebin
ja, sie hat geraubt, immer und immer wieder,
um die hungrigen Kinder zu versorgen
in diesem Bau
ein Mörder
er hat getötet, um frei zu sein
vor den Misshandlungen des Vaters

In dieser Stadt gibt es viele Wahrheiten
viele vorschnelle Urteile
hell und dunkel
schwarz und weiß
und eine Menge Zwischentöne
die auch gehört werden wollen
gut und böse
Wer zieht die Grenze?

Wir selbst

Ein moralisches Symposion

Lukas Daum
1998

Eines Abends traf man sich, um zu diskutieren,
was den Menschen unterscheide von den Tieren.
Und so der gemeinsame Befund:
die Moral sei wohl der Scheidepunkt.
Nur- was sie war und was nun gut, was schlecht,
Darüber herrschte dort ein Wortgefecht!

Gut ist einzig das, was Lust verschafft
-so spricht der Hedonist-
bis dann alles versoffen und gepafft,
bis von ihm auch nichts mehr übrig ist.

So mahnte einer, der am Tische saß
Und nur langsam und bedächtig nippte,
Moderation sei gut, es zähle nur das rechte Maß!
Er wär tugendhaft, auf dass er nicht vom Stuhle kippte.

Sodann der Pfarrer, mit erhobenem Finger:
Gut ist, wer da folge Gottes Lehren!
Derjenige ist ein Sünder, ein Schlimmer,
der begehrt anstatt sich zu bekehren!

Ist mir egal, schreit alsdann der Egoist,
Wen kümmern bloß die anderen? Nichts geht über mich!

Wenn man sich in die Lage der anderen versetze,
dann liegst du nicht richtig, das geht doch nicht!
Stell dir vor, dein Handeln würde zum Gesetze.
Entscheidend ist die Maxime, ist allein die Pflicht!
Nein, mein Freund, auf die Folgen muss man achten!
Schaut her, wie ich kalkuliere das Glück und Leid,
wie mein Kalkül es behutsam wog und bedachte,
um objektiv zu sagen: DAS ist Sittlichkeit!

Objektiv, dass ich nicht lache!
Ist Moral nicht meine eigene Sache?

Da trat hinein ein schnauzbärtiger Mann,
der hatte einen Hammer in der Hand
schwang ihn rechts und links herum, war drauf und dran-
gar übermenschlich außer Rand und Band-

Jenseits von Gut und Böse,
und unter größtem Getöse,
alles abzureißen.

Was ihm jedoch, bei all seinem Überschwang,
wohl nicht recht gelang.

Raum

Lena Hinrichs
2000

Und da ist ein Raum
Grau und geteert an den Wänden
Staubig und mit Teer an den Fenstern
Der sich an den Rahmen entlang schiebt bis
Zur Ecke und krustige Ecken verkrümeln lässt
Bis der Staub zum Vorschein kommt, da
Ist ein Raum
In den oberen Deckenecken verstecken sich
Blutsuchende Zecken gewickelt in
Kratzende Staubpullover fest-
Sitzend und geklebt
Die Eistürme an den Decken stürzen bald
Auf frostiges Parkett während draußen
Das Laub bald
Fällt

Da ist ein Haus Weißer
und gestrichen die Fassaden,
Sauber und feste stehend im Boden
Der sich fast an den Wänden hochwächst bis
Da irgendwann nichts mehr ist, da
Ist ein Haus
In den Regenrinnen stapeln sich
Asche und Regen und Laub
Metallgeschmack verliert sich und wird
Bald in die Erde zurück
Fallen

Die Guten sagen: \"Niemand wird zurückgelassen\"

Natalie Celesta Radulescu
1997

Vernichtend geschlagen,
liegst du
in deinen vier Wänden
und starrst an die Decke.

Wartest auf Erklärungen
und Rechtfertigungen
für meine Verbrechen.

Weil du denkst,
dass du ohne mich
nicht bei Mondschein tanzen kannst.
Du armer Teufel.

Möchtest du Salz zu meinem Gewissen?
Oder schmeckt es dir auch so?
Ich kann nichts dafür, dass ich fliege
und du auf allen Vieren gehst.

Du wirst mich zwingen meine Federn auszureißen
weil es schlecht ist,
über dich hinweg zu schweben,
auch wenn ich dich nie getreten habe.

Jetzt fühle ich mich,
wie jemand der über Leichen geht.
Und ich bin schlecht,
wenn ich den Gipfel in Angriff nehme.

Dass ich nicht du bin,
hat mich zum Tode verurteilt.
Und ich bin schlecht,
weil ich die Wege selbst pflastere.

Ich soll auf deiner Beerdigung weinen
und dann keine Freuden haben,
sonst habe ich ein Verbrecherherz,
wie der Fremde Meursault.*

Ich muss die Steine
gar nicht nach dir geworfen haben,
ich bin schon schlecht,
wenn ich sie dir nicht aufhebe.

Ich armer Teufel.

 

*Vgl. „Der Fremde“ –Albert Camus

Du bist wie Salz (Weg zur Kapelle)

Moritz Schlenstedt
1996

Die Anmut deiner Finger
wenn sie von Stirn zu Brust
Schulter zu Schulter
verstohlen Zeichen setzen
Dein Duft von Quitten
Der Dutt auf deinem Kopf, der mich
mit einflicht
(Mit dir voran sind meine Schritte fester)
Die Fürsorge deiner Augen
wenn sie von Vater zu Mutter
Kind zu Kuppel
über Sandstein streifen
Dein blaues Kleid
Die letzte Herbstsonne
die ich hinter die Kapellenfenster denke
Der Frost in deinen Augen
die Kühle des Gestühls
die Unerbittlichkeit deiner Hände
wenn du sie in meine schränkst
pochen mit unserer Einkehr
überbeben den Verlust
Du bleibst wie Salz auf unserer Trauer

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“:

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

irgendwo dazwischen

Anne Magdalena Wejwer
1997

irgendwo dazwischen
zwischen himmel und hölle
zwischen oben und unten
zwischen gut und böse
irgendwo dazwischen
sind wir

oszillieren
menschen die sich drehen
wie Kompassnadeln
auf der suche nach dem ziel
hinundhergerissen zwischen
welten und werbung
drehen wir uns im kreis
rennen uns über den haufen
denken nur an uns und alles andere
moral zwischen ebbe und flut

irgendwo dazwischen
zwischen himmel und hölle
zwischen oben und unten
zwischen gut und böse
irgendwo dazwischen
sind wir

tanzen
menschen ohne pause
meinungen werden gewechselt
wie unterwäsche und auch das
gewissen kommt regelmäßig
in die spühlmaschine
wir wollen gut sein und böse
aber nicht schuldig
wir wollen alles
außer verantwortung

irgendwo dazwischen
zwischen himmel und hölle
zwischen oben und unten
zwischen gut und böse
irgendwo dazwischen
sind wir

und irgendwo
zwischen gier und nächstenliebe
zwischen nordpol und südpol
zwischen gehirn und herz
irgendwo in uns
können wir uns entscheiden
zwischen gut und böse

denn irgendwo ist es möglich
irgendwo zwischen menschen und maschinen
irgendwo zwischen büchern und bomben
irgendwo zwischen gut und böse
irgendwo in uns
liegt der erste schritt
zum frieden in der welt

„wir wollen gut sein und böse/ aber nicht schuldig/ wir wollen alles/ außer verantwortung“. Ihr habt euch gefragt, was genau Moral ist und wer das definiert. Auch Religion und Ethik sind für euch Wegweiser zwischen den Polen Gut und Böse, die gerne hinterfragt werden dürfen. In euren Augen manövrieren wir uns durch den Alltag zwischen vielen Wahrheiten, sind konfrontiert mit vorschnellen Urteilen und vergessen selbst manchmal die „Menge Zwischentöne/ die auch gehört werden wollen“. Wann trägt man „Schuld in den Lungen“? Jeder Verurteilte hat ein mehr oder weniger „gutes“ Motiv für sein „Verbrechen“. Solange man ein beißendes Gewissen hat, ist man noch genau da: zwischen Gut und Böse. Ihr wart euch einig, dass jeder selbst für sein Handeln und sein Urteilen über andere verantwortlich ist.

Eure Beiträge im September waren tiefgründig, kritisch gegenüber Kirche, Justiz und euch selbst, auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit. Vielen Dank für eure zahlreichen Einsendungen und herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner!

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