Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Oktober 2017

Wettbewerb im Oktober 2017

Unseren sechs Gewinner*innen zum Thema „Du hast Wind gegessen, er schmeckt wie Filzstaub“ aus dem Oktober 2017 gratulieren wir! Eine herbstliche Brise brachte uns Ilma Rakusas Gedicht „Wind in Teheran“ und den UV-Druck „After-Effects of the Tear“ des Künstlers Shahryar Nashat, zu sehen in der Kunsthalle Basel, in die gute lyrix-Stube!

Fast stehend (im Sprung)

Nele Marggraf
1999

An einem Tag
der der Nacht erzählt hatte
dass er etwas später kommt
erschienst
du prompt
im grauverschleierten
Sichtfenster

Ein wenig sonderbar
dachte ich
und beobachtete dich
während du nur
so dasaßt
und sitzend
einfach warst

Du saßt nicht wie die meisten
die ihre Beine überschlagen
und sich darin überragen
sich im Gleichsein
zu schmeicheln
und die bleichen Hände
auf den Knien zu falten
stumm zu allem
ja und Amen sagend

Nein
du saßt
fast stehend
fast gehend
im Sprung
als könnte dich eine Böe
jederzeit ergreifen
und dich
meinem Blick entreißen

In dem Moment
in dem der Gedanke
gedacht war
hörte ich den Laut
den der Wind macht
leise
hinter dir

Wenn ich nicht
sitzend sitzen würde
sondern wie du mit Würde
halb stehend im Sprung
dann hätte ich
dich halten können
dich aushalten können
verharrend starrend
erhaltend

Er ergreift dich
und du schreist nicht
wie die anderen die sich selbst
entrissen werden
weil sie nicht in sich
gefestigt sind
du begrüßt den Wind
fast lächelnd
halb lachend

Du reichst ihm die Hand
und zwinkerst ihm zu
es gab etwas
das euch verband
vielleicht sitzt er ja
so wunderschön wie du
oder er schaute dir
genau wie ich
unsäglich gern
beim sein zu

Doch jetzt
sitzt er mir im Nacken
heult und kreischt
er will mich packen
da
siehst du mich an
und dein Blick fragt stumm
wovor hat sie nur solche Angst?
ich flüstere
übertöne kaum das Tosen
vor dem Erliegen

von der Angst
vor dem Fliegen
sagte ich nichts
den Wind wollte ich
trotz allem
nicht grämen
denn des Windes Tränen
sind Tropfen
die uns auseinandertreiben würden
dabei würde ich doch so gerne
einfach mal eine Weile
still
mit dir sitzen
und sein

Löwenzahn

Katharina Müller
1996

Du stehst da, warte vor meiner Tür
Van Gogh Vorstellung, Viertel vor vier.
Holst deine Pferde und auch mein Leben
Sag, welches Lügenherz gab dir den Segen?
Waren schon alles, alles und nichts
Trag deine Schuld aus, Strafgericht.
Titanic, Arkansas und SMS Mainz
Der Januar und du, bald seid ihr eins.
Sag warum streichst du die Liste?
Warum das alles vor Berliner Kulisse?
Reitest auf deiner gelben Biene davon.
Was mir bleibt, der Geruch deines Flacons .

spiel mit dem wind

Theresa Müller
1997

du siehst mich nicht wenn ich durch die straßen
ziehe pfeife ich dir nach deinen kleinen füßen
dicht auf den fersen und du hörst nur mein rauschen
und greifst nach roten blättern die ich extra
für dich fliegen lasse komm nimm sie dir und pflück
einen strauß für mutti aus den melodien die du
in meinen atem singst

ich lasse dein rotes mäntelchen hin und her wehen ich
greife danach durch dein fliegendes haar das so golden
in der herbstsonne schimmert fahre ich mit den fingern
fühle jedes einzelne haar das so gut nach honig
duftet und kralle mich sanft ach so sanft du spürst
es gar nicht ich halte sie fest ich halte dich
in meinen armen fest

deine tränen laufen von unten nach oben wenn du auf dem
boden liegst und dein zartes köpfchen auf den asphalt
schlägt dein mäntelchen nass in einer pfütze dein haar
ganz wirr gepustet deine roten lippen zittern du
rufst was ich schmecke halte still mein kind hab keine angst
du kennst das doch ist nur ein spiel
ist doch nur ein spiel in meinem auge

der sturm ´89 - oder: rückblickend aus dem jenseits

Tim Schäfer
2000

vermutlich hätte er nicht lange gezögert
die schusswaffe zu zücken.
für intrinsischen stolz der außerhalb der grenzen
wie wind verweht aber hier nicht vergeht.

dann lägen wir da hand in hand
die brise würde dein braunes haar sanft
zersausen. während wir die
grenzenlosigkeit doch erreicht hätten.
oder
man hätte uns gewarnt [gewiss nur an guten tagen]
ein falscher schritt und das minenspiel setzt ein
dort wo später die fassadenkünstler
triumphieren auf ihren altarplatten sie
fassen sich im ostwind so geleckt ins haar.
oder wir
wären wieder umgekehrt
hätten die letzte ziffer um zwei geschmälert
besser einen heißluftballon gemietet
es wahrscheinlich lieber
ganz gelassen um irgendwann
ganz gelassen rechnen zu können:
repression und observation macht_illusion

doch ich war kein mathematiker
kein kalkulierer
aber wie oma schon sagte
wer wind sät
wird sturm ernten -
eine befreiende ernte
und der beton fiel.
später.
als wir schon lange vergessen waren.

(in gedenken an 1135 mauertote)

flut

Anile Tmava
1999

versengte haut
ein präzises nachglühen in den atemwegen
züngelt auf in der verwaisten brise.
aufrecht stehst du
als strandgut im zenit.
dann wolken wie luftballons
an nieselschnüre geknotet.
flutrauschen
häutet stück für stück
deine beschlagene ohrmuschel.
der wind fährt durch jackenärmel
(gesteifter tunnelblick.)
glasscharfe funken hallen im schlag der lungenflügel wider
das asthmatische geräusch
ein pendel im wasserbrechen.

Schlacht bei Coulmiers

Marie Christine Voss
2000

Der Himmel schmeckt heut wie Kalkstein,
Sieht mir nach wie ein bleiches Gesicht.
Doch hinter mir klebt schon die Sonne,
Die mich mit ihrer Kälte ersticht.

Die Kirche reckt ihren Hals in den Wind,
Der sich anfühlt wie splitterndes Eis.
Und mein Atem dreht sich im Sturm
Wie ein Überdenker im Kreis.

Ein Mann dort presst das Gewehr ins Herz
Und ein anderer denkt sich ein Grab.
Ein anderer weint, ein anderer schluckt
Die Tränen die Kehle hinab.

„Heure du déjeuner!", rufen sie als sie kommen
Und wer denkt nicht an Zuhause?
„Fin d'après-midi!", rufen sie und verzweifeln
Und die Herzschläge spielen die Pause.

Meine Augen finden den Mond, der wie
Eine Murmel am Nachthimmel baumelt.
Ich schließe mich ab und ertrinke,
Als mein Atem in Sturmhände taumelt.

Ob als laues Lüftchen oder steife Brise, ob am Meer oder auf Schlachtfeldern, angsteinflößend oder tröstend...ihr habt es zwischen allen Ecken und Enden eurer Fantasie wehen und winden lassen!

"Reitest auf deiner gelben Biene davon. / Was mir bleibt, der Geruch deines Flacons." Aber: "von der Angst / vor dem Fliegen / sagte ich nichts / den Wind wollte ich / trotz allem / nicht grämen".
"Meine Augen finden den Mond, der wie / Eine Murmel am Nachthimmel baumelt. / Ich schließe mich ab und ertrinke, / Als mein Atem in Sturmhände taumelt"..."deine tränen laufen von unten nach oben wenn du auf dem / boden liegst und dein zartes köpfchen auf den asphalt / schlägt".
"wer wind sät / wird sturm ernten - / eine befreiende ernte / und der beton fiel. / später. / als wir schon lange vergessen waren" und "ein präzises nachglühen in den atemwegen / züngelt auf in der verwaisten brise. / aufrecht stehst du / als strandgut im zenit."

Herzlichen Dank für eure Texte im Oktober und Glückwünsche an die sechs Gewinner*innen!