Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im November 2017

Wettbewerb im November 2017

Herzlichen Glückwunsch an unsere sechs Gewinner*innen aus dem November 2017! „was grenze ist irrt“ lautete unser Thema kurz vor Jahresende. Esther Kinskys Gedicht „Wohin zeigt die wildnis“ und zwei Stücke der Ausstellung „Nach der Flucht. Wie wir leben wollen“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin, ein Steinlöwe und ein Sprachführer, boten euch weitere Inspirationen.

(eigentum)

Ruta Dreyer
2002

deine hand zieht zoegerlich
grenzen; grenz-wertig
ist dieses spiel der
persoenlichkeitspunktierten ICH DU HAUT
strukturen

irrend//irrsinnig
zwischen diesen grenzen
ist mein kopf eine beule
vom gegen-die-wand-laufen,
gegen-die-wand-der-intimitaet

hautfaeden durch den raum
bis unter deine tuer
deine hand ein fluoreszierendes
moralvakuum

identitaetsimprovisation
meiner sterblichen ueberreste

(ist mein koerper jetzt deiner weil du ihn beruehrt hast)

Lorem ipsum, die Steine sind kalt heute Nacht.

Katinka Kultscher
1999

Im Schatten jener Kirche sitzt ein Hase
und lauscht auf jeden Schlag der alten Glocken;
er knabbert nicht am taubetropften Grase,
er lässt von keinem Erlenblatt sich locken;
nur zu gut wittert seine feine Nase
den Herbst, und dennoch bleibt er reglos hocken.
Wenn wenig eindringt, merke er, was fehle,
erklärte seine dünne Hasenseele.

Die Mauern sind zu alt, um noch zu sprechen,
sie pfeifen nur des Windes Melodien;
zu viele Hasen sahn sie Rasen stechen,
zu viele Hasen sahn sie vor ihm fliehen,
und jene, die erwogen, sie zu brechen,


sahn sie am Tagesende wieder ziehen.
Doch geht ihr Wissen nicht nur in die Breite;
sie haben auch noch eine Innenseite.

Im Dämmerlicht der Kirche lebt ein Tauber
und schreitet in den Hallen auf und nieder;
er hält die Böden und die Tore sauber,
er hält es ganz gut aus, so ohne Lieder,
denn warmsüß macht ihn der Dornröschenzauber
vergessen, was er wollte, immer wieder.

Nur manchmal stehlen farbige Gespenster
sich durch die stets verschlossnen Buntglasfenster.

A song of battle and fortune

Victoria Rosenberg
2000

Gedankenmaschendraht
Traumfäden miteinander verwoben
verdrahtet
Kreuzungen an Zielkreuzen
Knotenpunkte
meiner eigenen Vorstellungen

Geistesschützengräbenstacheldraht
Ich liege auf der Lauer
in einem Labyrinth aus
Gedankenfädengräben
bewaffnet mit der Realität
kämpfend gegen die Armee der Illusionen
Welche Illusionen? Meine Ziele, Träume

Seelenfrontverläufe
Denkensgrenzen
gefangen in dem Käfigkonstrukt meiner
eigenen Ziele, Träume, Erwartungen
Leben am Limit, Vorstellungslimit
Leben im Rahmen, Perspektivrahmen
Ohne Rahmensprengung
eselige Möhrenverfolgung
auf eingezäuntem Weg
Wortkreation aus Buchstabensuppe
ohne Tellerrandausblick
Die Grenzen meines Denkens sind die Grenzen meiner Welt.

Auf Erwartungspflastersteinen und Vorstellungsasphalt
suche ich nach Glück
Auf Existenzautobahnen und Werdegangsüberholspuren
werd ich mir bewusst
wo ich suchen muss:
Auf Irrwegsabstechern, Umleitungsholzwegen
Auf Lebenslandstraßen, Daseinsdorfgassen, Fehlerfeldwegen
Ich muss irren
Ich muss fehlen
um an den Seelenfrontverläufen meines inneren Krieges
Siege zu erzielen, meinem Glück zu begegnen
Mein Gedankenkreisel, mein Vorstellungskarussell
muss gegen die Wand fahren
um meine Weltenmauer, meinen Gedankenwall
abzutragen
Ich muss die Akte Irrungsangst schließen
um meine Denkensgrenzen zu öffnen

Fleisch

Laura Schiele
1998

Ich suche etwas, das ich noch näher halten kann
als mein eigenes Fleisch
um das Trauma dieser Welt
auf Distanz zu bringen
Damit ich ein weites Bild gewinne,
bringe ich zwischen allem und mir meine Haut
als Niemandsland, dass ich Zeit gewinne
um mit meinen Knochen bewaffnet in mich
und aus mir herauszugehen

dziadek

Kerstin Uebele
1997

der himmel deiner geschichten war federleicht
origamivögel schnitten durch wolken
im beuteflug

der zaun zu den nachbarn
das ende unsrer welt ich webte hände
du worte in die spalten im gegensatz zu dir
ist der zaun geblieben

manchmal noch erinnert
mich altbekanntes an dich
hähne beete imperative

dann baue ich mir im kopf dein haus
öffne das tor und verschiebe die zäune
hierhin dorthin (handbreiten weit)

nur das kreuz im garten
das dein schweigen erzählt
wächst an alter stelle

und ich schieße gefaltete vögel zu mittag
dass neue kugeln treffen
im vertrauten winkel

fragezeichen zwischen plus und minus

Anne Magdalena Wejwer
1997

ich sitze da
primzahlen tanzen durch mein gehirn
ich denke an abundanterweise befreundete
zahlen obwohl ich selbst keine freunde habe
ich wüsste nicht wozu

ich starre dich an
sehe dich nicht sehe nur die welt zwischen dir
und mir nebeneinander gequetscht in die ubahn
wir sind uns so nah und doch trennen uns welten
wer bist du was denkst du was träumst du
zwischen minus und plus langweilt sich die null
nur eine definitionslücke schwebt zwischen plus
und minus unendlich

ich starre durch dich hindurch
denn du bist ein mensch und damit unlogisch
mein gehirn kann dich nicht verarbeiten
mathematisch ist eine einsame sprache aber
ich fühle mich nicht allein

ich sehe andere menschen
aber es ist als ob es sie nicht gäbe
in meiner welt leben nur zahlen und formeln
was für dich leicht ist ist für mich schwer
der alltag ist die wand zwischen uns
und irgendwie unsichtbar

du starrst zurück
starrst mich an und kannst doch nichts erkennen
im selben wagen sitzend rasen wir
durch verschiedene galaxien lichtjahre
liegen zwischen uns auch wenn sich unsre beine berühren
wir sind die parallelen die sich nicht schneiden
nicht hier

wir sitzen da starren uns an
der augenblick zerfällt wie ein atom
das universum rauscht an den fenstern vorbei
einen kurzen augenblick lang treffen sich unsere blicke
in der unendlichkeit irgendwo außerhalb

der wagen rattert
ich löse differentialgleichungen während du
auf deinem handy wörter aneinanderreihst
obwohl wir die selbe sprache sprechen
verstehen wir uns nicht
die grenze zwischen uns ist unendlich
und dünner als papier

zwischen uns im nichts
riecht es nach kaffee restalkohol und müden menschen
die zeit verrint im schwarz vor dem fenster
während du an deiner steuererklärung scheiterst
und ich an der partialbruchzerlegung
von glück

Absperrungen, Zugänge, die sich nicht für jeden öffnen, verbotene Gebiete und Gedanken..."was grenze ist irrt" hat euch sehr interessante Gedichte entlockt.

"Damit ich ein weites Bild gewinne, / bringe ich zwischen allem und mir meine Haut / als Niemandsland", aber "wer bist du was denkst du was träumst du / zwischen minus und plus langweilt sich die null". "Gedankenmaschendraht / Traumfäden miteinander verwoben / verdrahtet / Kreuzungen an Zielkreuzen / Knotenpunkte / meiner eigenen Vorstellungen". The sky is the limit...oder doch nicht? "der zaun zu den nachbarn / das ende unsrer welt", "Nur manchmal stehlen farbige Gespenster / sich durch die stets verschlossnen Buntglasfenster", eine "identitaetsimprovisation / meiner sterblichen ueberreste".

Vielen Dank für eure schönen Texte im November und Glückwünsche an die sechs Gewinner*innen!