Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Mai 2017

Wettbewerb im Mai 2017

Herzlichen Glückwunsch! Hier sind die sechs Gewinner*innen zum Thema „ein nest für zwei fremde“ aus dem Mai 2017! Monatslyriker im Mai war Marko Dinic mit seinem Text „bilder in bildern (Tristan Marquardt gewidmet)“ und zusätzliche Inspiration gab es aus der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. Dort kann man vier Wolfgang Amadeus Mozart zugeschriebene Haarlocken bewundern, aus denen hoffentlich keiner ein Nest baut.

höhenflug

Deborah Fallis
1996

ich stürzte mich
aus allen federleichten wolken
hoffte, an einem
spitzen ast
hängen
zu bleiben.
ich verfiel dir
in dein
nest.
worte mischten sich mit der
kalten sommerabendluft
still stillend
den durst der
gefallenen und gestürzten
engel.
das nest schaukelte.
ich wurde
zum ersten mal
nicht seekrank.
rund und unendlich und
du und ich und du und ich
und wir waren
wirklich,
werden wir
bleiben?
um von der schaukel
abzuspringen, muss man
den richtigen moment
ab...
fass…
dich…
kurz…
zieh ...
mich…
an…
dich…
JETZT!

Hallo du

Alina Jacobs
1999

Hallo du
Erkennst du mich?
Wenn du in meine tintenschwarzen Augen blickst und siehst wie ich meine Unsicherheit mit einem Lächeln retuschiere
Wenn ich
Wahrhaftig
Verletzlich Bin?

Und liebst du mich?
Wenn ich schadenfroh über die Fehler anderer lache
Wenn ich unehrlich bin und
mich verstelle
Mich verstecke
Mich verkrieche
In einem von mir in roter Wut angemalten Schneckenhaus?

Aber vor allem vertraust du mir?
In meinen schwärzesten Stunden wenn ich den Alkohol lieber pur trinke und
in der Nacht Mülltonnen umwerfe und
mit einem kleinen Streichholz deine schön aufgebaute, gewöhnte Welt anzünde?

Oder befinden wir uns
zwischen wechselnden Blicken, Küssen, Liebkosungen
In einem Nest
Allein
Geschaffen für zwei Fremde?

Ohne Möglichkeit zur Flucht?

Hallo

Gerrit-Freya Klebe
1996

Ich passe nicht
mit anderen
in eine Schublade.
Bin das Achteck zwischen den Kreisen,
stoße überall an.
So habe ich mir eine eigene Schublade gebaut.
Platz nur für mich,
manchmal etwas zu viel.
Was ist mit dir?
Warum kommst du nicht herein?
Der Griff ist kaputt, ich weiß.
Aber hab keine Angst.
Setz dich zu mir.
Lass uns Staubkörner sortieren
und Wollmäuse zähmen.
Lass uns Unordnung in unseren Köpfen machen
– und nie wieder aufräumen.
Komm zu mir in meine Schublade.
Ich hole Kissen und eine Decke.
Dann machen wir es uns gemütlich.

Tote Flocken gieriger Farben

Lisa Schmidt
1997

Ins Wasser! Ins Wasser!
taumelnd fallen große Fetzen
der bekannten Farben
noch leuchten sie, im Flug
schon gestorben

Ans Meer! Ans Meer!
deine Hände, Galatea, zeigen
flache, blaue Streifen
eine Brandung nunmehr kaum
aus vergessenem weiß

Dieses Schiff ohne Segel
gießt Benzin ins Meer
in deinen Zeilen, Akis
in deinen Wassern kleben
meiner Worte ungeborene Kinder
Ans Land! Ans Land!
zwischen Tümpeln
gekippten
Steinen, hier:
die toten Flocken gieriger Farben

Verschlossene Blicke

Friederike Teller
1998

Hinter den bunt-glatten Fassaden wohnen vier Familien
zwei in jeder Etage
die mit einer Treppe verbunden sind
zwei in jeder Hälfte
dazwischen Schuhregale
vor der Fassade fährt ein Junge Fahrrad
er schaut in den Himmel
er schaut irgendwo hin
er schaut nicht

hinter jeder der grau-glatten Türen wohnen mindestens vier Menschen
zwei davon meist älter
die sind durch eine Ehe gebunden
zwei oder mehr davon Kinder
sie sind verhüllt oder noch zu klein
die Türen stehen meist geschlossen gegenüber
sie schauen in den Asphalt
sie schauen irgendwohin
sie schauen nicht

mindestens einhundertdreiundneunzig Staaten
sieben Kontinente
siebentausend Sprachen
mittendrin ich
mittendrin wir fünfhundertachtzigtausend Bewohner
zusammengeworfen
in diese Stadt und ihre Häuser
die wir uns nicht ausgesucht haben
wir schauen in Bildschirme
wir schauen irgendwohin

wir schauen uns nicht an

gare du nord. feierabendverkehr

Anne Magdalena Wejwer
1997

züge gleise und menschenmassen
zügemassen auf allen gleisen
und allen trassen muss man sie ziehen lassen
im allabendlichen nach hause fliehen
schubsen rempeln drängeln
ziehen menschen mit leeren batterien

doch dann

im gewirr der pariser entropie setzt sich ein sonderling
ein junger mann ab und vor ein komisches ding
und dem schlag auf die taste folgt das erste pling
und dem zweiten pling folgt ein ganzes prélude
während die menge im stechschritt vorüberzieht
und sich trotz allem vergeblich müht

plötzlich

humpelt ein grauhaariger mann heran und
fragt denn jugen ob er\'s kann und der junge kann
und haut in die tasten obwohl die massen weiter
und weiter hasten
aber dann fängt der größere der beiden phantasten
an zu singen
und zwischen den gleisen und den menschen die rennen
und den menschen reisen
hört man den greisen und der junge mann
singt mit

da

verlangsamt der erste seinen schritt dem der hintermann
prompt in die verse tritt doch statt zu fluchen
summt der mit denn auch er kennt den hit
und als wäre der alte eine männliche sirene stockt das gewimmel
man vergisst die fahrpläne jemand unterdrückt eine kleine träne
selbst der wachmann bestaunt die sonderbare szene

denn

je schneller die finger auf den tasten tanzen und die töne richtung
himmel fliegen bleiben die punkte auf to-do-listen liegen
und die zeit bleibt stehn und kann uns nicht mehr kriegen und
auch wir bleiben stehn und wippen höchstens mit den füßen wenn
sich zwischen das grau unserer kippen lieder auf unseren lippen mischen
töne uns küssen wir nicht weiter müssen und endlich
wieder atem kriegen zwischen unsere rippen

non, je ne regrette rien

singt der mann als gäbe es nur ihn auf der welt und außer
musik sonst nichts was ihn hält und als wäre das leben
mehr als nur ein kampf um das geld und seine zeit kein bisschen
gezählt
und für wenige sekunden ist das chanson eine insel und
der alte mann eine loreley und verschenker von frieden doch gleich
ist es vorbei aber für wenige augenblicke sind diese zwei
die ganze welt in die das leben fällt und das alte klavier
ist ein kleines nest
geworden für den der sich nicht hetzen lässt
für zwei fremde

und den ganzen rest

Eure „nester für zwei fremde“ erzählen von Liebe: „Ich verfiel dir / in dein / nest“, heißt es in einem Text. Bei freiem Fall kann uns ein Nest retten, uns auffangen. Wir können andere zu uns ins Nest einladen. Wenn wir uns in eine Schublade gesteckt und wie „das Achteck zwischen den Kreisen“ fühlen, finden wir mit Glück ein zweites Achteck, das es sich mit uns in unserer Schublade bequem machen möchte: „Komm zu mir in meine Schublade. / Ich hole Kissen und eine Decke. / Dann machen wir es uns gemütlich.“ In dieser trauten Zweisamkeit kann man sich aber auch fragen: Wie lange hält unser Nest? Oder wird es uns vielleicht irgendwann zu eng? „Ohne Möglichkeit zur Flucht?“

Neben Beziehungen, in denen zwei Fremde zu Vertrauten werden, habt ihr auch Entfremdung und Anonymität zum Thema gemacht. So kann zum Beispiel ein Klavierspieler am hektischen Gare du Nord in Paris zu einem kleinen Nest für Fremde werden oder ein Haus, das viele unterschiedliche Menschen beherbergt, selbst wenn die Bewohner gar kein Wert auf ihr gemeinsames, schützendes Nest legen: „zusammengeworfen / in diese Stadt und ihre Häuser / die wir uns nicht ausgesucht haben / wir schauen in Bildschirme / wir schauen irgendwohin / wir schauen uns nicht an“

Wir gratulieren den sechs Monatsgewinner*innen im Mai 2017 und danken allen Teilnehmer*innen für ihre Einsendungen!