Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Mai 2016

Wettbewerb im Mai 2016

Im Mai habt ihr die Spuren des Menschen aufgezeigt, die das Zeitalter „Anthropozän“ prägen. Der Mensch als wichtigster Einflussfaktor der Gegenwart dominiert die Erde und ist Grund der Umweltzerstörung. Was passiert mit der Menschheit und dem Planeten, wenn diese Zerstörung kein Ende nimmt?  Dieser Frage habt ihr euch zum Thema „Die Lautheit der Zweibeiner“ gewidmet.  Als Inspiration diente Karin Fellners Gedicht „Die Menschenzeit geht vorbei“. Das Deutsche Museum München stellte eine Rechenmaschine aus dem letzten Jahrhundert bereit.

Leaving

Victoria Helene Bergemann
1997

start spreading the news
i am leaving today

Wir sind ja immer wach gewesen
das kann uns keiner vorwerfen
wach gewesen
wir waren auch laut
in dieser stadt
das kann uns keiner vorwerfen

wo das nachbarschaftsfest das highlight ist
die hecke perfekt gestutzt
wo man mit 50 den altersdurchschnitt senkt
und mit 15 vorm rewe rumhängt
wegen der perspektiven
die fehlen
wo sie hin sind?

hat irgendwer mit ins grab genommen
uns zumindest nicht
das kann uns keiner vorwerfen
in dieser stadt
wir waren wach
in dieser stadt
die immer schläft

wir waren ja wach
das kann uns keiner vorwerfen
nur waren wir nie laut genug
um diese stadt aufzuwecken

start spreading the news
i am leaving today

das hast du für mich an alle wände gesprüht
während alle anderen geschlafen haben
wir waren wach
das kann uns keiner vorwerfen

wo alle schon vorher wissen
was in nachbars garten passiert
woher sie es gewusst haben
habe ich dich gefragt
dass sie überall augen haben
hast du gesagt
und fantasie

start spreading the news
diese stadt ist tot
lauter bitte
i am leaving today
denn ich war zu lange wach
um alle aufzuwecken
lauter aber nie laut genug

ich war ja wach
das kann mir keiner vorwerfen
nur waren wir nie laut genug
um diese stadt aufzuwecken

dann sind wir geflohen
wie all die anderen
die den altersdurchschnitt gesenkt hätten
start spreading the news
uns nimmt keiner mit ins grab
in dieser stadt

kleinstadt kleinstadt
i am leaving today

haben dabei an new york gedacht
nur unsere stadt
die schläft immer

o. T.

Elena Böhler
1998

Im Neonlicht unter Spiegeln
hinter Spiegeln, in Spiegeln lesend
sitzen wir und lauschen leise
im fünf-und-vierzig-Minuten Takt
steppen uns die Zeit zurecht
anstatt an der Hektik entlang zu grooven, wie sonst

Kann es sein, dass die flimmernde Welt
die wunderschön Projektion
dich mit mehr Schwung antanzt, als ich es je konnte?
Muss ich Ruhe suchen in einem Friseursalon
um mich nicht mehr zu texten zu lassen?
In fünf-und-vierzig Minuten genießen, dass kein Screen mit mir
redet
und dass dröhnende Musik, Scherengeklapper und das Föhngepfeife
endlich das Gehämmer übertönt
mit dem der kleine Tastenkasten in meiner Tasche mich permanent
zu müllt?

Stress ist das. STRESS. Einmal Groß geschrieben.
Die Sirenen klingeln
wie die Telekom.

Das lauteste Jahrhundert aller Zeiten
sagen sie und ich höre es nicht einmal…
Die Trommeln bleiben stumm und ich ziehe mir das Fell über die
Ohren
denn während ich mein Frühstück auf 640 Pixel komprimiere
checkst du Jessicas Profilbild mal wieder.

In China fällt ein Sack Reis um und die ganze Welt vibriert.
Ich lese es auf Seite eins, in kalten Büchern.
– aber bloß nicht ablecken, sonst geht der Sense of Touch
kaputt!
Was juckt es mich in meinen fünf-und-vierzig Minuten?
Ich würde mir ja die Haare raufen
doch es gibt bald keine mehr von mir.
ich war kurz dort
wo mir die Daumen gebunden sind

„Kein Krieg vernichtet uns so schnell, wie wir uns selbst“
sage ich und dir gefällt das.
Jessica gefällt es auch, lese ich. Ein Spiel ist das, sonst
nichts.
Keine Liebe und kein Mitgefühl
alles was wir brauchen, um uns selbst nicht allein zu lassen.
Um keine Konsequenzen zu sehen.
Um mich nicht mit dir zu beschäftigen,
lerne ich alles über dich
lerne Profile auswendig

Arbeit
Ausbildung
Aktueller Wohnort und Heimatstadt
weitere ehemalige Wohnorte
Lieblingszitate
Lieblingsmusik
Lieblingsbücher
Lieblingsfilme
Lieblingsfernsehen
Sonstiges…

und so viel mehr an leeren Zeilen. Nutzlos und
ich weiß nichts über uns.

fünf-und vierzig-Minuten, in denen wir reden können –
Neonlicht
Dein Gesicht. mein Gesicht. Geschnittene Haare.
Der Spiegel interessiert mich nicht; er aktualisiert sich
gerade.
Sieh mich nicht an, sondern schreie, damit wir unsere Lautheit
endlich hören.

Am Tümpelsee

Lena Hinrichs
2000

Am Tümpelsee
Da wo das Schilf wächst und
Die vielen Gräser die
die Kleinen Büsche umranden die
Keiner bestimmen kann
Da wo sie etwas wie
Eine Reeling gebaut haben
Damit auch keiner
Fallen kann
'Da wo sie hingehen um
Zigaretten zu verstecken und
Worte leise klingen zu lassen und
Stille Luft zu atmen
Da ist der Weg um den
Wir immer verstecken spielten
Und glaubten die Büsche bestimmen zu können
Und leise Worte laut wurden

Am Tümpelsee
Da wo das Schilf endet
Haben sie einen Platz gebaut
Mit nur einer Bank
Weil das kein großer Ort ist
Einer wo man Geschichten liest
Und welche schreibt
Und wahre verschweigt

Am Tümpelsee
Wächst kein Schilf mehr
Niemand könnte Büsche bestimmen
Leise wurden sie
Entfernt
Und wir Kinder schrien laut
Weil da jetzt nichts mehr ist
Nur eine Fläche
Deren Stille
Nicht lauter sein könnte

Am Tümpelsee
Welcher Tümpelsee fragt
Mein Kind
Alte Schreie verhallen und
Neue werden
Nie erklingen, unsere
Stimmen
Ausgetrocknet

Friedhelm‘s Truck Stop

Alison Kuhn
1995

Sie, mit Augenringen, raucht vor

einer quietschgelben Spielhalle

Laster neben der Waschanlage

Er, in Friedhelm’s Truck Stop, isst

Schnitzel ab drei Euro hinter

verdorrten Pflanzen auf der Terrasse

Überfüllte Mülltonnen

Männer in orangefarbenen Westen

rostige Metallplatten im Wind

Mitten darin ein grüner Fleck Wiese

Wildrosenknospen

Unverdorrt, unberührt, rein

Das Anthropozän

Raphael Müller
1999

Die Zeit
des Anthropozäns,
auch sie wird vorübergehen
wie der Dinosaurier Getrampel.
Die Erde wird sich weiterdrehen,
ganz so, als wäre nichts geschehen.
Taifun, Tsunami, Erdbeben und Co
sind sicherlich adäquate Waffen,
um lästige Bewohner abzuschaffen.
Quietschendes Maschinengestampfe
und knatter-keifendes Motorengeheul,
diese maximal lästig, dauerlauten Greuel,
verhallen ungehört in den Weiten des Alls
und das mahnende Ticken der Uhren,
verflüchtigt sich über Wald und Fluren,
es wird den Lauf der Zeit nicht stoppen.
Die Menschen können der Erde Narben
zufügen – aber mehr auch nicht – bei ihrem
meist kläglichen Versuch zu herrschen.
Auch das Herrschen will gelernt sein:
man sollte die Kuh nicht schlachten,
deren Milch man künftig trinken will,
sondern Tiere und Pflanzen achten,
denn das Überleben ist kein Spiel.
Die Erde erreicht sowieso ihr Ziel,
sie wird sich schon zu wehren wissen
– bei Zeiten – und abschütteln wie ein Kissen
das Menschengeschlecht, das mächtig laute,
mit samt seinem Geklapper, dem Zischen und Rauschen
dem Hämmern und Klopfen, dem Rattern und Dröhnen,
sich dann an die wohlverdiente Stille gewöhnen
und dem Gesang der Sterne lauschen.

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

poco a poco morendo

Magdalena Wejwer
1997

als die menschen gingen
kam die natur zurück
zurück in eine welt aus der man sie
vertrieben hatte
doch wer zuletzt lacht
lacht am besten

sie ruhen in frieden
denn nur selten verirren sich
forscher oder fotografen
ins sperrgebiet
für menschen bleibt die lage aussichtlos
der lärm der maschinen ist verebbt
es ist still geworden

vereinzelt hört man vögel
die mit mutierten schnäbeln
ihre letzten lieder singen
die sonne scheint alles andere strahlt
dem himmel entgegen

nur kleine schilder und
schiefhängende plakate
stellenweise mit moos bewachsen
zeugen von einer zeit
in der die straßen noch laut waren
und die stadt noch voller leben

doch die zweibeiner sind
an ihren eigenen schreien erstickt
nach und nach verstummt
und nur der tonlose choral der kakerlaken
in den ritzen den ruinen wird bleiben
doch das requiem verklingt
denn keiner hört ihnen zu

Wir befinden uns im Zeitalter des Menschen. Aber was bedeutet das? Ihr habt euch auseinandergesetzt mit dem Anthropozän: dem „lauteste[n] Jahrhundert aller Zeiten“. Das gesellschaftliche Streben nach Höher, Weiter, Schneller fordert immer maßlosere Zerstörung der Umwelt. Dass diese Zerstörung auch unmittelbare Folgen für uns Menschen hat, kam erst spät in unsere Köpfe und wird noch immer beschönigt und geleugnet. Wir befinden uns in einer Abhängigkeit von etwas, das wir zu beherrschen meinen. Freiwillig haben wir uns in eine Spirale der Selbstzerstörung begeben, die sich immer weiter hochschraubt, doch wenn wir es verdrängen ist es „ein Spiel […], sonst nichts“. Schließlich hat der Lebensstandard der Industriestaaten in den vergangenen Jahrzehnten enorm profitiert. Verdrängung ist bequem. Verdrängung ist leicht.

Wir befinden uns im Zeitalter des Menschen. Aber was bedeutet das? Ihr habt euch auseinandergesetzt mit dem Anthropozän: dem „lauteste[n] Jahrhundert aller Zeiten“. Das gesellschaftliche Streben nach Höher, Weiter, Schneller fordert immer maßlosere Zerstörung der Umwelt. Dass diese Zerstörung auch unmittelbare Folgen für uns Menschen hat, kam erst spät in unsere Köpfe und wird noch immer beschönigt und geleugnet. Wir befinden uns in einer Abhängigkeit von etwas, das wir zu beherrschen meinen. Freiwillig haben wir uns in eine Spirale der Selbstzerstörung begeben, die sich immer weiter hochschraubt, doch wenn wir es verdrängen ist es „ein Spiel […], sonst nichts“. Schließlich hat der Lebensstandard der Industriestaaten in den vergangenen Jahrzehnten enorm profitiert. Verdrängung ist bequem. Verdrängung ist leicht.

Doch wie entkommen wir diesem Kreislauf, wie können wir uns in all dieser Lautheit Gehör verschaffen? Laut werden reicht nicht, sonst sind „wir nie laut genug / um […] aufzuwecken“,  wir müssen „schreie[n], damit wir unsere Lautheit endlich hören“ und „stille Luft“ atmen können. Erst wenn wir das Bewusstsein über unser Handeln erlangt haben, können wir die Spirale zumindest entschleunigen.

Herzlichen Glückwunsch an unsere Maigewinner und vielen Dank an alle, die einen Text eingesendet haben.

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