Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im März 2017

Wettbewerb im März 2017

Im März hieß es bei lyrix „Ein ewiges Rückwärtsgehen“. Anja Kampmann geht in ihrem Gedicht „(für I.“ rückwärts. Vorwärts ging es dagegen nach Leipzig, wo lyrix mit einer Schreibwerkstatt zu Gast im GRASSI Museum für Völkerkunde war. Dort sind eine Frauen- und eine Männermaske der Makonde (Süd Tansania) ausgestellt, die euch zum Rückwärtsdenken und Vorwärtsschreiben Anregung boten.

der Elefant

Felicitas Breschendorf
1996

monatelang beobachtete ich den Elefant im spiegel
er saß mir in der u bahn gegenüber
er lief durch schaufenster
er war nicht ich
er war was sie in mir sahen
es war keine zeit vor dem Elefant
ich hatte den zwang zu erinnern überwunden und mich auf das vergessen gestürzt
deshalb war er hier
irgendwann stellte ich ihn zur rede
ich fragte ihn ob wir freunde seien
ich bat ihn zu verschwinden
ich flehte zu laut
da schlugen sie die tür zum badezimmer ein und nahmen mir den spiegel weg
der Elefant weinte

Die Irrelevanz von Möhren

Luise Dreyer
1997

"Aber mein lieber Herr,
wo ihre Zähne noch so gut,
aber ihre Augen schon so schwach sind,
empfiehlt es sich regelmäßig
Karotten zu essen"

Er lachte,
wusste, genau von
all den Verträgen
zwischen Möhrenindustrie
und Augenärzten.
Unnütz.
Man konnte genau so gut
Zigarillos rauchen oder
Eukalyptusbonbons lutschen.
Und ohnehin
waren ihm seine Augen
nicht das Wichtigste.
Das bin ich.
Mich schützte er,
wie manche Leute ihre Augäpfel,
nur besser.
Durch mich sah er,
sein Leben tanzend bunt.
Kaleidoskopisch.
Und somit viel schöner,
als es war?
Denn Generation Kriegskind,
Trümmerlego spielend, elternlos.
Im Grau (über)lebend.
Besinnt sich wohl ungerne zurück.
Doch durch seine Krankheit,
in eben diesem Grau gefangen,
liegt er nun
wohl einige Jahre,
ich will sie nicht zählen können,
im Sterben:
Sterben auf Raten.
als ob es das einfacher macht,
Zinsen fallen -unsere Seelen- an.
Und dieses von uns scheiden
ist ein Rückwärtsgehen.
So liegt er nun stumm, inkontinent,
angewiesen auf Menschlichkeit,
vor mir;
und entwickelt sich zu Tode.

Nichts wünsche ich mir mehr,
als ihm die selbe,
endlose Liebe schenken zu können.
Wie er immer mir.
Das Grau nur für eine Minute zu durchbrechen.
Die Chance ist vertan.
Heute schaffe ich es nicht einmal mehr,
sein Zimmer trockenen Auges zu verlassen.
Ich sollte mehr Möhren essen.
Aber die helfen nicht.
Nichts hilft.

für mutter

Ruta Dreyer
2002

2002

an dem tag

begrüßte mutter mich nicht
und vater rauchte die
zigarette mit zwei
fingern, die gefaltet geformt gebeten
wurden und tränen
in schreibtischschubladen
versteckt

an dem tag

sagte mutter nichts
und ihr spiegelbild
war weiß zerbrechlich waren meine hände
vater blieb stumm
stummgeschaltet der fernseher
lief leer

an dem tag

dachte mutter nichts
und ihre augenlider waren
zugedeckt und ihr mund
zugedeckt und ihr körper
zugedeckt in einem schwarzen langen ding

an dem tag

stoppte ich
nach vorne zu denken und
im ewigen rückwärtsgehen
stolpert mein
kleiner komischer kopf
ständig

über den tag an dem –

und ich sehe sie wenn
spulen
meinen bauch meinen kopf
verdrehen wenn
spulen
mein gewissen mein denken
verdrehen – zurückdrehen
und an dem tag
lachte ich nie mehr – danach
nicht mein gewissen
nur
kaputtdrehend

 

 

Ein ewiges Rückwärtsgehen

Jakob Klucke
2002

Bei mir dreht sich alles.
Besteht ein Plattenbau aus Bauplatten?
Gäbe es ein Segelschiff
ohne das Schiffssegel?
Ist es in Ordnung, wenn die GEMA
ma‘ geht?
Ist denn alles verkehrt?

Bei mir dreht sich alles.
Was ist, wenn Kaufland das Land kauft?
Was wäre, wenn du am Sonntag zur Kirche gehst,
die Kirche jedoch am Sonntag geht?
Wird aus der Landesflagge ein Flaggenland?
Machst du den Hausbau im Bauhaus?
Ist denn alles verkehrt?

Bei mir dreht sich alles.
Kann ich die Pinnwand an die Wand pinnen?
Gehört zum Schlüsselloch ein Lochschlüssel?
Hast du ein Haargummi oder Gummihaare?
Lässt du wegen einer Stehlampe deine Lampe steh’n?
Ist denn alles verkehrt?

Bei mir dreht sich alles.
War es, als der Herzog aus Brandenburg
Aus Brandenburg her zog?
Hast du Ohrringe oder Ringohren?
Geht der Reisekoffer auf eine Kofferreise?
Ist dein Stambaum ein Baumstamm?
Ist denn alles verkehrt?

Bei mir dreht sich alles.
Gibt es den Weihnachtsmann,
oder feiert man Weihnachten?
Wird aus vielen Landstraßen ein Straßenland?
Hast du Augenbrauen oder braune Augen?
Folgt dir die Schlussfolgerung bis zum Schluss?
Ist denn alles verkehrt?

Bei mir dreht sich alles!

formlos

Ida Pruchnewski
2000

einmal rückzug, bitte

-wären dann eins fünfzig, kurzstrecke-
kann ich mit karte zahlen?
mein letztes kleingeld liegt in deiner hand

greiflich will ich jetzt nicht werden, versuche mich zu konzentrieren, klammere mich an das ticket gehen fühlt sich matt an
ich verharre und versinke in der rückbank
und während ich mich setze, setzt sich der rückzug in bewegung
ist das rückzug oder isolation?

gischt peitscht mir ins gesicht
meer hätte ich jetzt gern
ja, mehr von uns

kann ich auch ohne dich zurück dorthin, wo sich himmel und meer
verführen (?)
wolltest du mich mit deinen blauen
augen
zu, ich bin schon da
im augenblick bist du
real (?) erscheinst du mir
ich kann dich berühren, atme durch
himmel, bist du wolkenlos
perfekt und standhaft wie eine brücke

ich bücke mich nach weiteren gedanken
wie ranken wachsen sie um meine füße, wurzeln mich fest und verankern dich in meinem kopf

kopflos habe ich mich in dir verloren, blind in luft aufgelöst
bin gewandelt, verwandelt

von dir weiß ich, was rückschritt ist
der versuch sich festzuklammern an nicht greifbare moleküle

ich ziehe an einer ranke, mir kommt ein gedanke und eine wolke schiebt sich zwischen uns
los löst sie sich vom betretenen boden voller gedankenranken
und langsam dämmerst du mir
ich begreife dich

kein himmel ist wolkenlos

aufrecht greife ich weiter, ziehe mehr, reiße fast
wolken türmen sich auf
das meer tobt
und nebel senkt sich auf dich
himmel, du ziehst dich zu
mehr will ich nicht, als uns zu beschatten

benebelt war ich von dir von grundauf
jetzt steigen die wolken vom grund auf und wir sind benebelt, werden schatten und verlaufen inneinander

verlaufen irre ich noch durch deine gänge
wärst du kein labyrinth, fänd ich den ausgang vor dem ende
so bin ich eine ewige suche und du eine ewige frage

doch halt
ich glaube, da vermischt sich was
ein ziel, mein ziel wird sichtbar

habe ich etwa meine farbpalette nicht ordentlich abgespült, bevor ich uns malte?

mehr verwaschen als klar beginnt sich alles zu spiegeln
blau in blau in weiß und grau
ich rede aus deiner perspektive und gehe durch deine perspektive und verliere mich in rückläufigen fragen
sie drehen sich in meinem kopf und ich schreie dich an
an spiegelwänden hangelst du dich entlang
sie zwängen sich dir auf

du bist das falsche bild darin und siehst es selbst
einen mit tusche gemalten verwaschenen himmel
mit nebel verhangen
der uns-sinn gleicht unsinn
du sagst ich solle

loslassen, dich abstempeln
so wie ich das ticket gerade loslasse, es dem schaffner gebe und er es abstempelt
das ist seine routine, monotonie des alltags
du warst meine routine und meine monotonie
nur ohne loslassen und ohne abstempeln
bloßes ansehen

jetzt wartet mal auf mich, ihr vergangenheitssplitter
zieht mich nicht halb hinter euch her
nehmt mich ganz mit und klärt mich auf
wie spüle ich verwaschenes fort?
wer bin ich und wie lange noch?
wohin treibt es mich, an welchen ort?

und sagt, ist das entfliehen oder entzug?
gilt mein ticket auch für den endzug?
ist loslassen von dauer oder packt es einen wieder?

du gehst einfach den bahnsteig herunter
ohne antwort sitze ich im abteil und sehe mich gespiegelt im detail

ist das die richtige richtung?
unentschlossen lehne ich mich noch einmal zum fenster heraus
zu weit
du gähnst und bist fort

gehen fühlt sich matt an
bewegend, fuß vor fuß, erinnere ich mich ans laufen, erreiche die tür
klinke steige aus

irgendwie bin ich doch irgendwo angekommen, wo du nicht mehr bist
aber zu meiner komfortzone ist es noch weit
und noch viel weiter ist der horizont

dort hinten verliert er seine form
los lösen sich meer und himmel
und über mir scheint es leer
das meer, es spiegelt dich nicht mehr
ich spiegle dich nicht mehr
alles blau-weiß-grau
die farben löschen sich gegenseitig aus
wir löschen uns aus und werden
formlos

den rücken zum fortschritt verhallen deine schritte
stück für stück setze ich mich wieder zusammen und die bewegung fort
der rückzug fährt ohne mich
ich winke aus dem entzug

Ist das Ziel nicht am Ende erst der Beginn und mein Leben ein ewiges
Rückwärtsgehen?

Hier findet ihr Idas vollständigen Text als pdf.

SCHMERZ IST EIN

Julia Marie Weber
1996

Schmerz ist ein Meer zum Ertrinken also stellt sie sich das Echte vor
scharf kantig blau so kalt fast gefroren fast schneidet man sich an ihm
wir zeichnen ihr mit Creme die Wolken aufs Gesicht
die hinter ihren Augen dunkel lauern
kämmen sie zart wie die Wellen das Wasser
aufgestobener Sand schmirgelt über ihre Haut
als sie Richtung Düne rennt
sie kann wieder laufen und schreit

vor ein paar Tagen zeigte sie auf ihre Haare und wir holten chirurgische Scheren
ich befahl meinen Händen radikal zu sein wie sie es wollte
der Rasierer summte über ihren Schädel und sie tastete so wie man tastet wenn es leichter ist das zu zählen was noch da ist und nicht das was
schon verloren ist

wir müssen sie auf die Seite drehen und ich halte sie
in meine dunklen Augen will sie immer gucken
Fernglasblick rückwärts durch die Zeit zum Meer wo wir beide schon so oft gewesen sind
suchen die Unschuld der Welt in seinem weißen Wellenschlagen und den Trost im Zyklus der Gezeiten
heute vergeblich ich weiß nicht ob sie dort ist
ich glaube sie ertrinkt
sie schreit
sie hat das Schwimmen verlernt

noch einmal später träume ich von ihr
sie liegt zusammengeschrumpft im Bett wie ein Baby
sie trinkt Milch und trägt eine Windel und fragt ob ihr Leben denn ein Gutes wird
ich nicke vorwärts guckend und erzähle ihr vom Meer

Im März habt ihr Gedichte zum Thema „Ein ewiges Rückwärtsgehen“ geschrieben. Eure Texte handeln vom Altwerden, von Krankheit, Tod und Trauer, weil es euch sehr bewegt, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen: „Heute schaffe ich es nicht einmal mehr, sein Zimmer trockenen Auges zu verlassen.“ Aber auch Trennung ist für euch Rückwärtsgehen und Loslassen ist besser, als der „versuch sich festzuklammern an nicht greifbare[n] moleküle[n]“. Ihr erinnert euch auch an die guten Zeiten: „Fernglasblick rückwärts durch die Zeit zum Meer wo wir beide schon so oft gewesen sind“. Oder ihr seid rückwärts durch Worte und Sätze gegangen und habt euch gefragt, ob ein Plattenbau aus Bauplatten besteht.

Rückwärtsgehen hat euch kreativ vorwärts gebracht. Vielen Dank dafür! Wir gratulieren herzlich den sechs Monatsgewinner*innen!