Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Juli 2017

Wettbewerb im Juli 2017

Unseren sechs Gewinner*innen aus dem Juli 2017 gratulieren wir herzlich! Mit Marie T. Martins titelgebenden "Und überall können wir singen" und Paul Klees "Hauptweg und Nebenwege" aus dem Museum Ludwig in Köln habt ihr euch zu beeindruckenden Texten inspirieren lassen.

[you do not fucking hesitate]

Josephine Bätz
1996

in meiner stadt
hat sich vor kurzem ein wind
gedreht und jetzt zöger ich kurz bevor
ich die buntglasfenster kippe
die nachbarn die ich nicht kenne
freundlich grüße
und ich achte darauf auf der treppe
nicht auf die hunde zu treten.

häuserkanten schneiden uns die
handflächen auf enge straßen
wölben sich unter den füßen weg und wir
schreddern uns die sohlen am heißen asphalt
kaputt. wir rennen schneller um die
verdammten busse zu kriegen
und wenn wir warten müssen stürzen
über uns die haltestellen ein.

ich keuche den vögeln zu
SEID LEISER ICH HÖR MICH SO SCHLECHT
dabei sind sie vor wochen verstummt
und wir
haben schon kein gedächtnis mehr und
immer noch kein ziel.
es gibt keinen grund keine panik zu
haben wir sind viel zu schnell um noch
singen zu können
und bald geht auch sprechen nicht mehr
und bitte kann
jemand die bremse ziehen weil hinter uns liegen
vermutlich schreckliche dinge
aber vor uns kommt gleich
die wand.

Der Schrei

Phil Bussemas
1999

Es war düster.
Meine Augen öffneten sich schwer,
als wären sie alte, schwere Bunkertüren,
die das erste Licht nach dem Ende der Welt in ihr Inneres lassen würden.

Nur eine knorrige Lampe auf meinem Nachttisch
warf schummriges Licht in den Raum;
gerade so viel, dass man die Umrisse des Mobiliars erahnen konnte.
Der Regen prasselte in ruhigem Takt der Natur
gegen die hohen Fenster,
die wie die Augen des Hauses einen Blick in die Welt erlaubten.
Eine zerstörte, kalte Welt.
Hin und wieder tanzte ein Blitz zusammen mit dem kalten Regen
den Tanz des Todes.

Und nun sitze ich hier.
Auf meiner Matratze,
in meinem Haus mitten in der Mohave Wüste.
Mal wieder geweckt von einem Alptraum.
Augen auf den Horizont gelegt;
wartend auf den Sonnenaufgang in dieser doch unendlichen Nacht.
Voll melancholischer Stimmung lauschte ich dem Höllenkonzert.
Der Regen spielte leise die Melodie der Hoffnungslosigkeit
während der Donner im Takt die Pauken knallen ließ.
Und die Flöten des Windes versuchten mich
in dieser unüberwindbaren Traurigkeit zu trösten.

Mir war bewusst, dass das Finale des Stückes nahte.
Nach unendlich erscheinenden Sekunden
brach das Crescendo über mich hinein.
Lauter als alles was ich je zuvor gehört hatte.

Und so wurde ich eins.
Eins mit dem Schrei.
Eins mit dem Nichts.

Und das Lied singt von Unendlichkeit.

Liebeshymne um 3:44

Zoë Dackweiler
1999

Deine Stimme klingt wie
Honig und die Vision
Von einer perfekten Illusion auch wie
Sonnenstrahlen die durch das Fenster der schmutzigen Linie meines Busses rinnen
Die Linie 613, du weißt schon
Die, in der alle Formen und Farben ihre Ohren betäuben
Oder lauschen Und hören
Oder summen und rauschen
Und Worte verschlingen (ich mag Bewegte Lippen)
Und Träume spinnen (ich mag den Schall)
Spüren
Ganz
Klein
Bisschen
Freiheit
oder Schmerz von Rissen und Atemzügen, die
Wie der Rauch all der metallischen Städte Oktaven tiefer steigt, schwermütige Bewegungen in Moll,
ich ein Gerinnsel meiner zähen Schritte des 3/4 Takts nachtschwarzer Klänge
Ich warte auf Gesang und Trompeten, um mir endlich den Weg zu ebnen, aber eigentlich will ich
Einfach nur dem Ozean applaudieren und die Sterne spielen
Meine Oma war fünf als es keine Musik mehr gab, weil der Tod, versteckt in Uniform alle Klänge und
Knochen weggewaschen hat, und
Immer
Noch
Singt sie am Herd, bis die Butter schmilzt und ich gerinne, weil ihre Stimme auch zu meiner passt und
ich einstimme
Und New York, New York dirigiere
Sie fragt mich was mein Lieblingslied ist und ich sage Dreams von Fleetwood Mac.
Aber wenn wir ehrlich sind, ist es
Deine Stimme
Die wie Honig und eine Vision klingt
Die Melodie deiner Grübchen in Bewegung
Und ich mittendrin die dein Herz
Summt

Jeder Beat von jedem Lied

Natalie Lohe
1998

Überall können wir singen
Laut leise
Alleine zusammen
Morgens mittags mitternachts
Das letzte Mal als ich sang
War als wir die Autobahn runterkullerten
In unserem smarten Fiat
Mein Mum sagte immer
Kuschelige Ente
Mum du fehlst!
Ich weiß noch wie wir singend die Autobahn runterkullerten
Wir lauthals schallend über die Brücken fuhren
Übers Meer
Wie du raus sahst mit deinem wehmütigen Blick
Wie ich nie mit dir übers Meer fahren konnte
Ohne dass dir eine Träne übers Gesicht rannte
Fliegend durch deinen Kopf
Die Bilder deiner Flucht
Mit den Schlepperbooten
Die prall gefüllt über die Meere schepperten
Während du betäubt von den Wellen von einem wahren Leben zu träumen begannst
Bis die Wellen überhand nahmen
Die Wogen über die instabilen Boote kamen
Das Holz morsch wurde
Und durch krachte
Und ich weiß dass ihr zitternd vor Angst über das wahre Leben sangt
Manche laut andere leise
Aber zusammen nicht alleine
Mitternachts
Durch den Gesang wurdest du gefunden
Als eine der einundzwanzig
Von 376
Mum du fehlst!
Ich weiß
Jeder Beat von jedem Lied rannte seit dem durch dich durch
Während du das wahre Leben kennen lernen durftest
Und ich?
Ich könnte heute singen
Laut leise
Alleine oder mit anderen zusammen
Morgens mittags mitternachts
Im smarten Fiat
Den ich fahren werde
Bis der Motor nicht mehr brummen wird
Ja so könnte ich heute singen
Aber es wäre ohne dich bedeutungslos
Denn ich muss ja nicht mehr gerettet werden
-zum Glück
Doch jeder Beat von jedem Lied rennt noch heute durch mich durch
Während ich das wahre Leben kennen lernen darf

Trauerspiel

Nele Marggraf
1999

Es ist
wie so oft
in letzter Zeit
soweit
du fühlst dich
bereit
unaussprechliche
Dinge zu tun
sofern
du sie nicht beim Namen
nennen musst

Der Frust
der letzten Monate
klebt an dir
und mir
ist es
inzwischen egal
ob du springst
solange wir
pathetisch klischeehaft
zusammengefasst
eins sind

Du singst
mich in den Schlaf
der dir so fehlt
du summst
mich in die höchsten
der Gefühle
die du nicht mehr spürst
du führst
den Bogen der ersten Geige
meines Lebens
so zart
wie du es eben vermagst
und ich stimme ein

der Wein
macht im Endeffekt
nichts besser
nur Flecken auf unsere
weißen Westen
wir waren nie die Besten
nie Gewinner
und da es
nicht mehr schlimmer
werden kann
singen wir uns halt
die Seele aus dem Leib
treffen keinen Ton
aber was macht das schon
in einer Welt
in der jedem das gefällt
was er nicht haben kann

Und so lieben uns die
die alles haben
denn
wir verjagen
das Gefühl
in ihren Herzen
das sich verdammt
nach Einsamkeit anfühlt
aber so sehr nach einem
teuren schmerzlosen
Plagiat aussieht

Deine Stimme
ist hart und roh
wenn du nach
einer Schachtel Zigaretten
die alten Oasis Songs singst
und ich bin froh
nicht alleine hier zu sein
um den Schein
der Aufrichtigkeit
zu waren

Die Sirenen stimmen
wenn es Nacht wird
in das allgegenwärtige
Trauerspiel ein
und sie würden alles schwören
um uns zu tilgen
denn wir passen
nicht ins Bild nicht
ins Klischee
der gottlos
Unglücklichen rein

Ihr Gesang
ist das letzte was wir hören
bevor wir Arm in Arm
den letzten Ton
nicht treffend
zum hundertsten Mal
im Gefecht der Lieblosen
fallen

rhapsodie [im regen]

Anne Magdalena Wejwer
1997

du schlurfst einsam durch die gassen
hastest denn wenn du im regen rastest
rostest du siehst aus als würdest du sie
hassen aber mich musst du lassen auch
wenn ich dich zum stolpern bringe
weil ich singe

und

du plötzlich nicht mehr sicher bist du
nur fühlst dass du was vermisst
aber du weißt nicht was das ist es könnte nur sein
dass du vergisst was ist zwischendurch
tanzen die akkorde auf den saiten
[ineffiziente kleinigkeiten] in dur und moll
und was das soll fragst du dich weißt es nicht
spürst nur es könnte wichtig sein fühlst
dich allein

überall

ist krach und lärm und die akkorde der stadt
sind dissonanzen die man im gehörgang
hat [sie tanzen nicht sie trampeln] im blut
quietscht das bremsen der straßenbahn du
fühlst dich nicht gut du hast es
satt doch das forte schwillt nicht ab dazwischen
laute worte werbung und reklame [keine vertraute]
und die presslufthammer pressen luft aus deiner
lunge dir fehlt die zeit zu atmen du hast nichts
was dich beseelt du hast nicht angehalten oder
nachgefragt und jeder schritt wird abgehakt und durchgequält auf
deiner to do liste ohne rast sie ist alles was du
hast und die punkte auf ihr tanzen wie sterne
vor deinen augen die zum träumen nicht taugen

können

wäre mal ein fortschritt gegenüber müssen aber
du spürst nicht mal wenn meine töne dich küssen
effizient hastest du durch dein leben spürst nicht
wenn um dich lieder schweben bleibst am
asphalt der straße kleben mit deinen blicken nicht
mal ein nicken schenkst du mir dabei könnte ich
dir so viel mehr schenken du müsstest nicht mal
deinen hals verrenken nur kurz einmal aufhören
zu denken doch das staccato vom regen kann dich
nicht dazu bewegen das leben hat dir das leben
geraubt der wandel der zeit dich ertaubt was
hast du geglaubt wer du bist was du wirst
und der regen rinnt wie ein graues papier steht er zwischen dir
und mir

wir

sind zwei wanderer mitten im regen wir
ziehen beide unserer wegen nur ziehst du dem
grab ich dem leben entgegen aber meine worte
können dich nicht regen weil ich ein penner bin
mit einem hund und einer von den narren mit gitarren
doch bin ich reicher als du deshalb stehe ich hier
während du rastest und rostest und weißt nicht
wohin aber mein leben macht sinn weil ich
glücklich bin und trotz regen hab ich sonnenschein
in mir drin doch deine augen sind starr auf die
u bahn fixiert [du hast es noch immer nicht kapiert]
wer zu viel haben will verliert weil das leben beginnt
wenn die zeit wie musik durch unsre finger
rinnt wie sand der regen gießt die träne fließt du
rennst zum bahnhof uns trennt nur das nasse grau
aber ich seh genau wie deine schultern beben
denn auch du willst leben und ohne es zu wollen
beginnt es in dir zu schwingen weil meine
lieder ganz sacht in dir weiter klingen die melodie
beginnt zu nagen zu beginnst zu fragen warum
wir uns täglich in den wahnsinn treiben anstatt
bleiben wieso wir uns schritt für schritt und ohne ruh
[immer to do] richtung abgrund bringen anstatt einfach zu

singen

Singen kann man alleine, in der Gemeinschaft, im Kanon, Chor und auf einem Rockkonzert. Singend lässt sich protestieren und seine Meinung auf einer Demonstration ausdrücken. In euren Texten erzählt ihr uns von Erinnerungen und Gefühlen, die Lieder, singende Menschen und Geräusche in euch erwecken. Denn: überall können wir singen, aber: „ich keuche den vögeln zu/SEID LEISER ICH HÖR MICH SO SCHLECHT“. Singen ist Kommunikation und Beruhigung. „Deine Stimme klingt wie/Honig und die Vision“. „Du singst/mich in den Schlaf/der dir so fehlt“. Singen kann Freude, Freiheit und Zusammengehörigkeit ausdrücken. „Jeder Beat von jedem Lied rannte seit dem durch dich durch/Während du das wahre Leben kennen lernen durftest/Und ich?/Ich könnte heute singen/Laut leise“. Singen erschafft Bilder und lässt „die akkorde auf den saiten/[ineffiziente kleinigkeiten] in dur und moll“ tanzen. „Und das Lied singt von Unendlichkeit.“

Danke für eure Texte im Juli und herzlichen Glückwunsch an die sechs Gewinner*innen!