Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Juli 2016

Wettbewerb im Juli 2016

Im Juli war das Finale der Fußball-Europameisterschaft und wir haben euch zusammen mit dem Deutschen Fußballmuseum Dortmund gefragt: „Wo beginnt das Spiel?“ Dabei ging es nicht nur um den Volkssport Nummer 1 der Deutschen, sondern auch um die Grenze zwischen Spiel und Ernst im Leben.

Spiele spielen

Tom Bussemas
2002

Wolkenstürmer, hinauf und vorwärts, immer weiter
Schnelle Flugmanöver, Reaktionszeit unermesslich kurz
Entscheidungen fallen in Bruchteilen von Sekunden
Im Spiel

Flugmaschinen jagen durchs Himmelblau
Über friedliche Landschaften hinweg
Auf Kundschaft, zu entdecken geheime Orte
Im Spiel

Drohnen surren, bedrohlichen Rieseninsekten gleich
Mit mechanischen Augen bestückt,
Um Ziele ins Visier zu nehmen
Im Spiel

Vorm Bildschirm vertieft sitzt der Spieler
Logische Verknüpfungen bauend
Taktisches Gespür beweisend
– ein kurzes Klicken
Fürs Spiel

Dieses Spiel, das längst über Grenzen geht
Das beginnt, wo Menschen sterben
Ganz real, im kleinen Dorf
Kriegsschauplatz

Ein Militär macht hier die Regeln
Ein Spiel der Mächtigen
So anonym war töten nie
Und gesucht werden Spieler mit flinken Fingern…

Ich wünschte, ich wäre ein Kind
Könnte den Spielplan zuklappen
Alles im Karton verstauen
Und weit unter das Bett schieben

ballgene

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen
2000

wilder oleander wiegt
duftend sich im wind
fernab der fußballfelder

glocken riesiger
geschichtsträchtiger kathedralen
läuten übers land

bälle rollen
von schweißigen gutgebauten
männern getrieben

über sattgrüne rasenflächen
mit akkuraten weißen feldern

tor … tor …

ich habe keine ballgene
sinnentleerte kämpfe
um einen ball
um ruhm und ehre
tor … tor …
für wen?
egal …

eine mannschaft freut sich immer
eine mannschaft ist immer enttäuscht

gewinner
verlierer

tor … tor …

metamorphose …
aus der raupe
wird ein schmetterling

Spielzeit

Gerrit-Freya Klebe
1996

Du hast meine Abwehr im Sturm erobert. Zugegeben, ich habe auch nicht besonders gut verteidigt. Du sahst mir einfach in die Augen, so direkt und ehrlich. Dann lächeltest Du und ich konnte nichts dafür. Es stand 1:0 für Dich.
Ich hörte Applaus, dabei hatten wir gar keine Zuschauer. Vielleicht war es auch einfach nur mein Herz, das so laut schlug.
Wir spielten uns den Ball hin und her, doch wir waren nicht bemüht, ihn flach zu halten.
Die Taktik ging auf, wir wurden ein Team. Wir hatten Zweikämpfe mit viel Körperkontakt und gingen zu Boden.
Ich zeigte Dir die Rote Karte, so verliebt war ich. Ich nahm Dich vom Platz und mit nach Hause. Am Ende ging es in die Verlängerung. Doch nach dem Abend hörte ich nie wieder etwas von Dir. War alles nur ein Spiel?

Das Fußballfieber

Miriam-Sofie Linke
1999

Ich musste wohl am Fußballfieber erkrankt sein.
Zumindest fühlte ich zur EM
eine Fremde
Verbundenheit zum eigenen Land
War gar stolz
auf das Team
auf meine Nation
Was sich für uns nicht gehört.

Um schnell vom Fieber auszukurieren
Riss ich die Fahnen herab
Trat sie in den Staub
Schwarz, Rot, Gold waren sie
Bevor sie verblassten

Und schon bald entschuldigte ich mich
wie gewohnt
gemäß der Ordnung
Für die Taten die ich nicht tat
Für die Worte die ich nicht sprach
Wie wir alle seit Jahrzehnten

Ich legte mich wieder
in Ketten und knebelte
mich selbst
Verspottete meine Ahnen
Meine Verwandten
Und das Fieber war vorbei.

o. T.

Patricia Machmutoff
1996

geeint vor dem Plasma blicken Milliarden von ihnen
auf ein rundes Schachbrett aus Leder

Tor!-heit
jeder weiß, wie er zu reagieren hat
wenn du schreist, dann schreie auch ich
ist das die Romantik der Neuzeit?

Abseits der Fanmeilen
brennen Flüchtlingsheime
lichterloh in schwarzrotgold

Foul
sind die Deutschen nicht
fleißig pünktlich
es glänzen BMWs in der Sonne

Fairplay
denn auf dem Feld sind wir alle gleich
Chancengleichheit beschränkt sich leider
auf den Ticketkauf

er spielt einen langen Pass
und du beantragst deinen
beweis mir dass du Mensch bist
mit einem Dokument

Elfmeter
bis zur Grenze
mein Einwurf
gekonnt ignoriert
Freistoß aber keine Freiheit

wer ist Deutschland

elfmeter epiphanie

Vladimir Shadrin
1996

fifa gott:
auf der jagd nach mäusen wie tom
& in der paarungszeit jerry
schuf ich diesen gold
kackenden esel

wenn man vom dreck absieht
das solch ein leviathan
absondert
(zu eifrige verehrer versinkend in alkohol & gewaltexzessen
plus degenerierte hausschweine vorm tv)
machte mich eben dieser dreck reich

zu einem räsonablen preis
können auch Sie
die famose meisterschaft in Ihr land bringen!

besser noch
es ist mir unlängst sogar gelungen
frauen
(gewiss keine sportbegeisterte rasse)

in das spiel zu integrieren
durch klatsch und tratsch in der presse
fußballer sind doch eine art
david beckham unglaublich: mit diesem!! gzsz model trifft sich hübschling
draxler
fußball verbindet sogar die geschlechter

für Sie beginnt das spiel nicht
in frankreich
sondern im herzen

für mich beginnt das spiel im gucci geldbeutel

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“:

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

alles fußball.

Magdalena Wejwer
1997

alles ist fußball
sagen manche
auch wenn nicht gerade irgendeine meisterschaft ist
wobei
irgendeine meisterschaft ist eigentlich immer

alles ist fußball
sagen sie
und sie haben recht

die welt ist ein fußball
der durch das weltall kullert
weiter immer weiter
mit hochgeschwindigkeit
und doch landet sie nie im tor
denn das universum ist ein spielfeld
ohne tor und ohne rasen
aber auch du bist ein fußball
rollst durch das leben
mal getragen mal getreten
mal in action und mal am rand
mal gefeiert selten geküsst
und nur nach außen hin rund
denn wie jeder fußball bist auch du eine kugel
mit ecken  und kanten

alles ist zahl sagte pythagoras
und irrte sich
denn  alles ist fußbal
l und das ganze leben ist  nur ein spiel
mal holst du den titel
mal  stehst  du im  abseits
mal sitzt du auf der bank
mal wirst du  gefoult
man kann nicht immer mit pokal nach hause fahren
aber egal
denn dabei sein ist alles
zumindest fast

alles ist fußball
und das leben  ist  unser stadion
hinterlasst eure spuren im sportstudio
und hinterlasst sie auf der titelseite der bild
aber hinterlasst sie auch in den herzen der menschen
die euch wichtig sind
denn nur dort werden sie bleiben
wenn euer spiel zuende ist

Fußballereignisse schlagen immer hohe Wellen, dieser Sport ist beliebt. Fußball ist nicht nur ein fairer Teamsport, sondern mit seinen nationenübergreifenden Meisterschaften auch Sinnbild von Freiheit, Gleichheit und freundschaftlichem, fairen Miteinander. Doch Korruption und interne Machtspiele stehen immer häufiger im Widerspruch zu diesen Werten, wenn für den „fifa gott“ das Spiel „im gucci geldbeutel“ beginnt und nicht auf dem Spielfeld.

Doch auch abseits des Fußballfeldes kann man sich fragen „wo beginnt das Spiel?“ und „wo endet es?“ Wann wird aus Spiel Ernst und wie ernst wird ein Spiel genommen? Das ist manchmal verwirrend und man muss im Leben aufpassen, nichts zu verspielen. Die Kindheit geht irgendwann zu Ende und wir können nicht mehr: „den Spielplan zuklappen / Alles im Karton verstauen / Und weiter unter das Bett schieben“

Die im Sport praktizierten Werte wie Gleichberechtigung, Toleranz und Freiheit haben in unserer Welt einen hohen Stellenwert und wir müssen darauf achten, nicht nur spielerisch mit ihnen umzugehen, sondern ihre Ernsthaftigkeit zu begreifen. Sonst endet das Spiel ausschließlich mit uns als Verlierern, ohne dass irgendwer gewonnen hat.

Vielen Dank für eure zahlreichen Einsendungen und herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner!

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