Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Januar 2018

Wettbewerb im Januar 2018

Unsere sechs Gewinner*innen aus dem Januar 2018 stehen nun fest! Herzliche Glückwünsche an alle! Mit dem Thema „Licht und Schatten“ starteten wir ins Jubiläumsjahr! Zehn Jahre lyrix! Tristan Marquardts „auszüge eines schattenkatalogs“ und das Gemälde „Marktkirche in Halle“ von Lyonel Feininger aus der Pinakothek der Moderne in München dienten euch als licht- und schattenspendende Inspiration.

Das Mädchen mit dem längsten Schatten

Elena Sofie Böhler
1998

Zwei Mädchen
platzen herein / platzen vor Lachen / platzt der Kragen
Zwei Mädchen
fallen Dinge ein / fallen aus allen Wolken / fallen mit der Tür ins Haus
und die Sonne lacht
und dann schmeckt das Essen
und dann wollen wir eigentlich nur noch kurz
bis wir dann feststellen, dass wir schon wieder zu spät kommen werden.

Zwei Mädchen
machen sich Feuer unterm Hintern / machen sich auf den Weg / machen Drama
Zwei Mädchen
laufen um die Wette / laufen gegen die Zeit / laufen querfeldein
und es wird eng
und dann wird die Ampel grün
und dann rennen wir um unser Leben
bis wir dann im Bus fast kollabieren während wir 2€30 aus der Tasche kramen.

Zwei Mädchen
stehen so 'rum / stehen sich die Beine in den Bauch / stehen auf Grey's Anatomy
Zwei Mädchen
haben keine Ahnung / haben sich lieb / haben keinen Platz
und dann öffnen sich die Türen
und dann spiegelt sich der Bus
und dann sieht uns da ein Augenpaar viel zu lange an
bis wir dann irgendwann die Augen fest zukneifen müssen.

Zwei Mädchen und Zwei Mädchen
sehen sich an / sehen sich ähnlich / sehen verwirrt aus
Zwei Mädchen und Zwei Mädchen
treffen aufeinander / treffen ins Schwarze / trifft der Schlag
und die Spannung ist elektrisch
und dann setzen wir gleichzeitig an
und dann entsteht eine peinliche Pause
bis wir dann beginnen zu begreifen was hier eigentlich gespielt wird.

Vier Mädchen
starren in die Luft / starren Löcher in die Wand / starren sich an
Vier Mädchen
stellen fest / stellen sich quer / stellen sich Fragen
und das Blut rauscht in den Ohren
und dann bekommen wir es mit der Angst zu tun
und dann geht alles sehr sehr schnell
bis wir dann Hals über Kopf auf die Straße stolpern ohne uns zu verabschieden.

Zwei Mädchen
finden sich wieder / finden keine Ruhe / finden sich seltsam
Zwei Mädchen
fragen nach / fragen um Hilfe / hinterfragen sich
und wir sehen uns nicht mehr an
und dann zieht der Himmel zu
und dann fürchten wir uns ein bisschen
bis wir dann beide drohen in Tränen auszubrechen.

Ein Mädchen und Ein Mädchen
sind verschrien / sind zum Schreien / schreien zum Himmel
Ein Mädchen und ein Mädchen
schlagen sich um die Ohren / schlagen über die Stränge / schlagen ein
und es wird kalt und es wird dunkel
und dann ist da kaum noch Licht zu sehen
und dann frieren wir von innen heraus
bis wir dann die Luft anhalten, beide.

Ein Mädchen
verzieht das Gesicht / verzieht sich / zieht Leine
Ein Mädchen
ringt nach Luft / ringt mit sich / ringt sich durch
und es beginnt zu regnen
und dann fühle ich mich allein
und dann stehen da nur noch zwei Füße an der Stelle
bis wir dann nicht mehr erkennen können wo die Andere einmal stand.

Ein Mädchen
erwartet / wartet auf / bleibt ab zu warten
Ein Mädchen
bleibt da / bleibt gleich / bleibt übrig
und es fühlt sich komisch an
und dann weiß ich nicht was ich sagen soll
und dann ist es wirklich sehr sehr kalt geworden
bis ich mich dann langsam in Bewegung setze.

Ein Mädchen
kommt an / kommt um / kommt zu spät
Ein Mädchen
sucht nach Worten / sucht Antwort / sucht sich selbst
und sie ist einfach nur da
und dann fehlt da irgendwas
und dann wundert sie sich
bis sie dann langsam den Regenschirm aufspannt und nach Hause läuft.

Ich-Fragmente

Vivian Knopf
1999

woher man weiß wer man ist oder ob man wird
wer man sein will das sagt dir niemand ich meine
allein zu sein müsste doch ausreichend sein
müsste man meinen und dann lachen sie aber
sie sehen dich dabei nicht an und ich hab das
gefühl dass das nicht alles ist dass etwas verborgen
bleibt aber ich weiß nicht was fehlt und das macht
mir angst weil ich denke dass ich es vielleicht nie
weiß aber ich weiß dass es sich noch nicht
vollständig anfühlt dass sich noch nicht alles
ineinander fügt dass eigentlich fast gar nichts
einen sinn ergibt auch wenn alle das immer sagen
aber was sie meinen sehe ich nicht oder ich sehe es
anders und es erschließt sich mir nicht und
während andere es abhaken und weitermachen
grüble ich immer noch darüber ob irgendetwas
intersubjektiv sein kann und warum wir sagen was
wir nicht meinen und eigentlich ist gar nichts
einfach und ich wünschte sie würden aufhören
das zu sagen weil alles was ich sehe nur zwischen-
töne sind in antonymen verschwimmt und es sich
anfühlt als würde ich neben mir stehen wenn ich
doch in mir drin sein ich sein sollte die werferin
und nicht das abbild und doch ist es als würde ich
mir ein zuhause mit mir selbst teilen und zugleich
heimatlos sein weil es nicht sicher ist wenn ich
mich nicht darin finden kann und sie sagen ich
soll mich zusammen reißen ohne zu erklären wie
ich mir gleichzeitig näher kommen und abstand
zu mir gewinnen soll und nicht sehen dass wer ich
bin immer noch nicht passt im dunkeln liegt
vielleicht weil es sich an manchen stellen zu groß
anfühlt und an anderen einengt immer wieder alles
verrutscht dass meine hülle und wer ich bin immer
noch nicht eins sind oder nur manchmal
wenn das licht hereinfällt und den vorhangschatten
beiseite schiebt dann kann ich es sehen
mein ich wie kleine staubpartikel die im hellen
schein schwingen und dann wird es plötzlich
ruhig
und ich kann den gedanken eine form geben
kann die welt stück für stück auf feine lichtleinen hängen:
wenn wer wir sind jedes einzelne atom aus dem wir
bestehen einen schatten werfen würde dann wäre
die ganze welt dunkel, getaucht in schattenheit
doch, und ich vergewissere mich während ich ihr beim
trocknen zuschaue, das ist sie nicht
und irgendwann das sage ich
und schlucke die zweifel runter
aber vielleicht stimmt das gar nicht
vielleicht ist das leben
immer das leben im zwielicht des bewusstseins

Tasogare

Theresa Matzat
1998

An einer Wäscheleine befestigt
Dort hinten, in der Dunkelkammer meiner Erinnerungen
Hängt eine Photographie
Verstaubte Träume, gebrannt auf Silberbromid

Ich habe vergessen, wie lange sie dort schon hängt
Ich habe das Gefühl
Die Zeit vergeht so viel langsamer, wenn es dunkel ist
Doch trotzdem vergesse ich nie, dass sie dort hängt

Die Zerstörungskraft der grellen Realität
Bekam jene Photographie nie zu spüren
Zu kostbar war ihr Inhalt, als dass ich sie
Zu einem geschwärzten Fleck ihrer selbst verkommen lassen konnte

Was die Photographie zeigt, sind –
Türme
Fünf an der Zahl
Die Silhouette mir so vertraut
Wie mein eigenes Antlitz im Spiegel

Ich erinnere mich an
Sandfarbene, rote, graue Fundamente unter
Grünspangedeckten Dächern
An die Melodie von Glockengeläut
An die Geräusche eines geschäftigen Markttages –

Doch sähe ein Fremder die Photographie, er könnte meinen
Er sähe eine gänzlich andere Stadt
So entrückt von jeglicher Alltäglichkeit
Scheint dieses Bild meiner Heimat

Still ist es dort
Das gelbe Licht der untergehenden Sonne taucht alles in ein
Hell-Dunkel-ohne-Schattierung
Scharfe Kanten brechen die Oberflächen entzwei
Entblößen jede Schraffierung
Jede Unebenheit, die die Jahrhunderte auf den steinernen Mauern hinterließen

Ein Ausdruck kommt mir in den Sinn
Ein japanisches Wort für diesen Moment, wenn
Das Licht der Sonne den Horizont noch nicht ganz hinter sich gelassen hat
Während die Bewegungen der Schatten schon
Unseren Sinnen Streiche zu spielen scheinen

Tasogare?
"Was ist das?"

Irgendwie passt es zu dieser seltsamen Art von
Zwielicht
Das selbst die Realität eines vertrauten Bildes so sehr verwischen kann
Dass nicht mehr davon bleibt, als
Der simple Kontrast zwischen Licht und Schatten –

Tasogare.

Unruhe

Laura Schiele
1998

wann bist du so unruhig geworden
dass du nicht herausfindest aus den Schatten,
die dir draußen Laternen nachschicken
du dich dauernd verhedderst in
den Kornkreisen in deinem Teppich
und dich nachts an deinem eigenen
Seufzen verschluckst
so dass sich selbst deine Träume vor
dir in den Zimmerecken verstecken
und ich die Klingel zu dir nicht mehr finde

Schattenlichter

Anna Schlechter
1997

was Grenze ist irrt zwischen Scherbendächern
und Werbelächeln blutig geschnitten

Wollpapiersterne
das Klirren der Straßenlaterne
die etwas von Licht heuchelt
das sie auf den Asphalt erbricht

heute verstopfen
Kinderträume die Abflüsse
wer hat damals statt
Bäumen auf Stämmen
auch lieber Wolken auf Stilen
gemalt?

heute möchte ich mich wieder fühlen
nach irgendetwas bitte
nur Asche klebt an meinen Wangen
früher wäre ich vielleicht Aschenputtel gewesen

heute zockeln
getrocknete Tränenflocken
unruhig mannigfaltigen Parkett-
fußböden emtgegen - mann war es nett
dir mal wieder zu begegnen
wir haben uns ja schon ewig nicht mehr-
wie auch immer

und aus Planierraupen schlüpfen
ständig neue Parkplätze
Hochdruckreiniger säubern
alle Abflüsse
ich erkenne nichts mehr
wer kann meine Hände noch vor den Augen sehen?

dabei ist Schwarz doch schon längst ausgestorben
und nachts kleistern sie die Ecken
mit dunkelfarbigen Plakaten zu
um Ungleichheit zu simulieren

was Grenze war irrt zwischen
Schattenlichtern
und wer
sind wir
noch da?

Schatten die uns begleiten

Selin Yazici
2000

Um 4 Uhr 20 steigen 4 einsame Seelen,
in einen Kasten aus Metall,
um sich von A nach B zu stehlen.
Ihre Ohren blockiert,
mit ihren Knöpfen aus Plastik,
und durch Alkohol oder prekäre Gedanken,
ist die Luft um sie schwer und kopflastig.
Keiner spricht miteinander,
obwohl es viel zu sprechen gibt
und Keiner beachtet den Anderen,
obwohl doch jeder jeden sieht.
Deshalb liegt zwischen jedem,
die größtmögliche Distanz,
für diese Bilanz, sorgt,
die Diskrepanz aus Interesse und Angst.
Außer einer Tasche,
die jeder von ihnen mit sich trägt,
trägt jeder noch ein Leben mit sich,
mit Geschichten die er gelebt,
und anderen Leben die er geprägt,
und Verzweigungen die er verfehlt,
und Entscheidungen die er gewählt,
und Ideen die er gesät,
und Gedanken die er gezähmt,
und Wunden die er genäht,
und Herzen die er bewegt hat.
Denn immer ein wenig dicker,
als die Andere, ist jede Biographie,
aber wie will man sich weiterentwickeln,
wenn man immer nur die Eigne liest?
Und somit sitzen alle 4,
stillschweigend aus dem Fenster schauend,
um sich eine rauche Mauer bauend,
die ihre Einsamkeit untermauert.
Es ist 4 Uhr 25,
als die Bahn ratternd zirkuliert,
eine Frau ihre Nägel maniküret,
der Student Rechnungen kalkuliert,
während der ganz rechts(,) im Kopf, Parolen rezitiert,
während er den mit der schwarzen Haut anschaut,
welcher seinen Kaffee mit Milch heller meliert.
Zwei von ihnen fahren zur Arbeit hin,
Einer von ihnen nach Haus,
Einer fährt zum Flughaufen,
für eine Pause von dem Rausch.
Auf dem Weg rauschen verschwommen an ihnen,
Bilder von ihrer Stadt,
tote Blätter fallen von Bäumen ab,
Zwei von ihnen wünschten sich, sie wären wie ein Blatt.
Einer von ihnen ist unglücklich verliebt,
Einer ist glücklich vergeben,
trotzdem ist er insgesamt unzufrieden,
und nur Einer lebt ein glückliches Leben.
Zwei von ihnen könnten gute Freunde sein,
doch sie werden es nie erfahren,
und sie fahren Buchstäblich an ihrer Freundschaft vorbei,
aber darüber sind sie sich nicht im Klaren.
Es ist 4 Uhr 29 und ich steige in die Bahn,
ich gehe an jedem von ihnen vorbei
und ich lächle jeden von ihnen an.
Ich sehe eine alleinerziehende Frau,
die mit ihrer Feile am Kummer feilt,
deren Anteil an Arbeit ungeteilt,
sie doppelt so schnell wie Andere ereilt.
Ich sehe einen Jungen der unermüdlich,
sein Studium selber finanziert,
der gerne mehr Zeit für seine Freunde hätte,
für den sich zu vieles aufaddiert.
Ich sehe einen Mann der voller Verzweiflung,
in falschen Kreisen rumkutschiert,
der sich durch Hass animiert, in falsche Ecken verirrt,
und letzten Endes sein Gefühl für sich selbst verliert.
Es ist 4 Uhr 31
und ich sehe einen Mann,
der seinen Kaffee eifrig trinkt,
damit er diesen Tag durchstehen kann.
Und im Spiegelbild des Fensters,
sehe ich mich Selber an,
und ich sehe einen Schatten,
der sich um meine Schultern spannt.
Ich leg ihn ab als ich mich setzte
und für einen ganz kurzen Moment,
höre ich das Rattern und Feilen und Schlürfen und Urteilen,
und spüre wie Licht sich auf meine Haut einbrennt.

Wo Licht ist, ist auch viel Schatten. Dunkel und hell, Gegensätze und Gemeinsamkeiten...ihr habt euch auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Thema auseinandergesetzt. Es geht um Schattenlichter und Schatten, die uns begleiten, um schmerzhafte Veränderungen und das Ich in der Welt, um Erinnerungen und eine von Schatten umgebene Unruhe.

"Zwei Mädchen / platzen herein / platzen vor Lachen" und "bis wir dann beide drohen in Tränen auszubrechen", bleibt zum Schluss nur das "Mädchen mit dem längsten Schatten" übrig. Aber "wann bist du so unruhig geworden / dass du nicht herausfindest aus den Schatten"? Aus dem Optischen wird etwas Akustisches, "das Klirren der Straßenlaterne / die etwas von Licht heuchelt / das sie auf den Asphalt erbricht". "wenn das licht hereinfällt und den vorhangschatten  / beiseite schiebt dann kann ich es sehen": "Tasogare." "Der simple Kontrast zwischen Licht und Schatten". "Und im Spiegelbild des Fensters, / sehe ich mich Selber an, / und ich sehe einen Schatten, / der sich um meine Schultern spannt. / Ich leg ihn ab".

Danke für eure tollen Texte im Januar und herzlichen Glückwunsch an die sechs Gewinner*innen!