Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Februar 2016

Wettbewerb im Februar 2016

Im Februar haben wir das „Tor in deiner Sprache“ gesucht – und manchmal auch gefunden. Ihr habt gezeigt, wie Sprache verbindet, aber auch wie sie diese Verbindungen zerstören kann. Inspiration fandet ihr in Orsolya Kalász‘ Gedicht „Die Sprache gibt den Löffel ab“ sowie in der Bronzegestalt „Hyazinth“, die im Museum Bad Arolsen ausgestellt ist.

mit und ohne worte

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen
2000

sprich mit mir

wütend zerrt der wind
an klapprigen fensterläden
und undichten fenstern

antworte mir

zischend fauchend löscht
er tropfende kerzen

in der ferne
donnern wellen
gischtig an den strand

bedrohlich werfen wir uns
worte an den kopf

augen sprühen hass
augen flehen

sprache ohne worte

anheimelnde ruhe
knisternder kamin

auf dem tisch
früchtechaos
zerknülltes papier

stillleben

stillleben haben
ihre eigene sprache

welche worte
willst du hören
willst du lesen

silbern glänzt wasser
in glutheißer sonne

silberhell perlen worte
aus kussroten mündern

gedanken wollen neu gedacht
und worte neu erfunden werden

ich schreie stumm
laut in die stille

lippen formen gedanken
flüstern worte

papier hält worte fest
papier kann zeiten überdauern
papier gibt zwischen

gesagten

ungesagten

worten raum
… hält still gedanken fest

manche bücher
müssten
leicht sein … glücklich
frei wie bunte vögel

andere
tonnenschwer wie blei …
müssten meere weinen oder glühn
vor wilder leidenschaft viele sprechen
die gleiche sprache ohne einander
zu verstehen ich hasse dich ich liebe
dich sprache zerstört
sprache verbindet

Brückenschlag

René Kartes
1996

Torweg, stelzend im Wasser
den Horizont abgelaufene Stunden:

Verlängert die Brücke
in jede Richtung des Worts

geradeheraus sollt ihr
die Enden der Sprache einreißen

kostbar ist jeder Balken
wertig soll er auch sein –
die Brücke wird halten
schon mit zwei Stützen allein

Das ist vermessen.

Physik

Yuliana Mosheeva
1997

ich werde dir beweisen
es zumindest versuchen
dass dieses Gerüst bald einstürzt
das Fundament ist unstabil
unordentlich gelegte krumme Steine
selbst die Wände haben Risse
es wird einstürzen
aber du wirst mir nicht glauben

ich versuche dir klarzumachen
dass das keine Interaktion ist
fundamentale Wechselwirkung
zwei Körper wirken auf einander ein
mit der gleichen Kraft
und erhalten die gleiche Kraft auch zurück
das kann man nicht allein
aber du wirst mal wieder nur widersprechen

ich habe versucht dir zu erklären
dass ich bald platzen werde
der Druck stieg in mir
brauchte einen Ausweg
fand keinen
bis er mich in Fetzen zerriss
nur dass du es nie verstanden hast
wie denn auch, hast ja nie Physik gelernt.

ring- und zeigefinger auf die handfläche gepresst, die anderen finger weit ausgestreckt

Karen Schmitt
1996

„ausdruck von gedanken in worten“
es ergrimmt mich was die großen märchenerzähler einst
niederschrieben.
müssen es worte sein? buchstaben? silben? zeichen?
hand zur faust, zeigefinger entlang der unteren fingerglieder
ausgestreckt, daumen mittig über dem zeigefinger aufgerichtet.
wer definiert, was ein wort ist?
_ . _
wer die Tore finden will, muss nicht nur die ohren, sondern
auch die augen öffnen. darf keinen seiner sinne
vernachlässigen.
finger gekrümmt und durch den daumen zu einem kreis
geschlossen.
kann sprache nur den geist enthüllen,
ist unser herz mit stummheit geschlagen?
doch definitionen sehen in unserem herz auch nur den
lebenserhaltenden muskel, der blut durch unseren körper
schickt.
.
lebenserhaltend ja. doch so wie der begriff „herz“ für uns so
viel mehr bedeutet, lässt sich auch wort ausweiten.
hand zur faust, nur zeige- und mittelfinger ausgestreckt und
gekreuzt.
einander verstehen, einander entschlüsseln.
_ . _ _
glaub mir, es gibt gar keinen schlüssel.

ring- und zeigefinger auf die handfläche gepresst, die anderen
finger weit ausgestreckt.

ist es nicht das, was wir immer und immer wieder sagen wollen?
mit all unseren worten, taten, gesten, blicken, gebärden,
lauten, geräuschen.
es ist gar nicht der schlüssel, den wir finden müssen. unsere
Tore stehen offen.
wären wir nur mutig genug, hindurchzuschreiben.

Ohne Worte.

Jing Wu
1995

in schwarzen nächten leuchtet schnee
noch unschuldig und ohne spur
wird die dunkelheit geweckt
von einem kind das bei sich nur

ein kleines album trägt in dem
sorgsam jene worte wohnen
die vor der hektik gut versteckt
auf weichen sanften seiten thronen

wenn der mond am himmel leuchtet
wenn  hund und katz schon träume träumen
geht das kind den berg hinauf
blickt über dörfer und den bäumen

in solchen nächten findet es
die leisen und vergessenen worte
die der nachtwind aufwärts trägt
zum hohen berg an jenem orte

sinkt eins allein zu boden nieder
und das kind hebt es dann auf
legt das wort ins kleine album
blickt zum sternenhimmel auf

wenn worte wider wände hallen
trotz der macht des widerstands
wenn winde lettern westwärts tragen
ins nirgendwo ins nimmerland

dann gibt das kind – die sammlerin der
worte diesen ein neues heim
es weiß durch den schatz der sätze
ist es nie wirklich allein

irgendwann und irgendwo
wird das kind die liebe finden
und ihr dann all die worte geben
um sie damit an sich zu binden

nach jahr und tag trifft es auf sie
am straßenrand mit tiefem blick
das kind das öffnet seinen mund
um zu sprechen doch spricht es nicht

stattdessen sehen sie sich nur an
musik schwillt langsam an zum forte
wenn zwei dieselbe sprache sprechen
verstehen sie sich auch ohne worte.

Die richtigen Worte zu finden ist sehr kompliziert und manchmal ist es gar nicht unsere Schuld, wenn unser Gegenüber sie dann doch missversteht. Wir setzen Worte ein, um in Kontakt zu treten und um unseren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Worte sind mächtig, sie können trösten, ein Lächeln hervorrufen, zum Nachdenken anregen und ein „Brückenschlag“ sein. Genauso können sie aber auch verletzen, zerstören und demütigen. Worte können brutaler als körperliche Gewalt sein. Schon ein einziges Wort kann alles zerstören, was viele andere mühsam aufgebaut haben.

Dabei ist das gar nicht immer beabsichtigt, sondern bloß Folge eines Missverständnisses, weil man „aneinander vorbeiredet“, „nicht dieselbe Sprache spricht“ und sich im Endeffekt nur noch „um Kopf und Kragen redet“. Manchmal ist es besser zu schweigen. Es gibt Situationen, in denen es gar keiner Worte bedarf, in denen die Stille aussagekräftig genug ist, weil „stillleben […] ihre eigene sprache [haben]“.

Sprache kann – ob ausgesprochen oder stumm – ein Schatz und ein Geschenk sein. Worte zu sammeln, zu bewahren, ihre Bedeutung und Kraft nicht abzunutzen, sondern alle „leisen und vergessenen worte […] ins kleine album [zu legen]“ und „den schatz der sätze […] vor der hektik gut“ zu verstecken, ist sehr kostbar.

Mit Worten einen Zugang zu finden kommt uns oft anstrengend und mühsam vor, weil wir krampfhaft nach einem „Entschlüsselungsschlüssel“ suchen, obwohl „unsere tore [längst offen] stehen“. Man muss nur aufmerksam und „mutig genug [sein] hindurchzuschreiben“.

Wir gratulieren den Gewinnern im Februar und danken euch allen für eure Einsendungen!

Zurück