Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Dezember 2017

Wettbewerb im Dezember 2017

Gratulation an unsere sechs Gewinner*innen aus dem Dezember 2017! Am Ende des Jahres hieß es bei lyrix: „Aus der Planierraupe ist ein Parkplatz geschlüpft“. Ulrich Kochs Text "VERSUCH ÜBER DIE EVOLUTION" und eine Eichenscheibe aus dem Museum Lüneburg waren Inspirationsquellen zu diesem Thema.

Stadt

Jessica Becker
2000

Straßen schlängeln sich zischend
zwischen Häusern, getrieben, gebannt.
Bedrohlich leuchtende Wärter.
Befahren, übergangen, beschmutzt, benutzt.
Streuben sich gegen den Käfig,
beißend, kratzend, aufbäumend.
Stählerne Käfer kriechen über sie,
fressen, reißen Stück für Stück
Risse, Löcher hinein.

Häuser, Geschäfte dicht gedrängt, eingesperrt,
nachts leuchtend um Hilfe rufend.
Bedrohlich glühende Wärter.
Bewohnt, renoviert, beschädigt, besprayt.
Angsterfüllt drängen sie gegen die Wege,
graue Pflaster, sie einsperrend.
Wimmernd, schreiend, streubend.
Von kleinen Parasiten befallen,
die sie zerstören.

Staunende Besucher drängen in den Zoo,
auf der Suche nach Attraktionen.
Gaffend sehen sie wie aus der Planierraupe
ein Parkplatz schlüpft.
Ich nenne es ein Gefängnis,
sie nennen es eine Stadt.

Ängste eines postmodernen Wurstkindes

Celia Kieffer
1997

Vergissmeinnichtblaue Wolkenkratzerspiegel
fangen weiße Regentruppen wie Reflexionen
in den eigenen Strukturen ein. Eindringlich
wie flashige Neo-Pop-Art-Schriftzüge
zieren Adjektive der Modernisierung
semitransparente Fensterscheiben;
Urbane Kopfzerbrecher
melken Büroräume aus Metalloxid
aus den versengten Zitzen der Welt.
Lache mein Püppchen,
über beharrliche Stellen des Bauens
und über das Flüchten vor Lichterlosigkeit
zugunsten einer Abstraktion, bestehend
nur aus horizontal-vertikalen Balken.
Mondrian würde sich freuen;
dem Wurstkind aber wird kotzübel,
wenn es vom rollenden Abgasfahrzeug
am ergrauten Waldstück vorbei kutschiert wird,
denn die schleimig-schleichenden
Zweige wickeln sich in zahllosen Schlingen
um das eklige Chaos vorheriger Zeiten.
EU-Richtlinien zufolge müssten doch längst
alle Bäume wie Milch homogenisiert sein?
O du, mein Püppchen, willkommen daheim.

krach im darf

Pia Kostinek
1997

do sin zuerscht die männe
die männe all innem anzuch
schwaz e in ledderschuh'
de bauer führt se
hauwt mit minner gawel mischt
gawelt das feld
die männe nicken

de acker liegt uhne zu spreche
wer warden woche
de bauer schwätzt koi wort
wer schicke die kinner morschens
se laafe übern acker
am middachstisch sachen se:
passiert nix!
ufm schlammrischen acker
de bauer schwätzt koi wort

donn sin die bauaweider
ach witze hättn se g'macht
sachen die kinner
hauwn 'ne schaufel wie der bauer
der bauer schwätzt koi wort

donn gib's viel krach im darf
die maschin breche dorch
die stroßn strocks zum acker
wer kloppe an bauers deer
de bauer schwätzt koi wort

die kinner laafn net mer übern acker
die aweider witzeln net mer
se räche fascht lauder
als die maschin schreie
de bauer braucht net mer zu schwätze
de acker is asphaltabzutragen

Stadt land bauland

Mika Robin Ludwig
1999

stadt land bauland
die arme der hochhaeuser greifen um sich
sind hungrig nach rendite
nach miete
ein strom aus beton ergießt sich durch die furchen der zivilisation
genannt straßen.

der fortschritt plappert ewig neue selbst ausgedachte geschichten
wer kann ihm folgen?
die arbeiterinnen schwirren aus
dem bienenstock aus seht! die koenigin
sie ist allwissend - die arbeiter sind dumm
weiß die elite, wissen die medien.

hausverbot im schlaraffenland!
sie merken es nicht
die weisen setzen gasmasken auf
die Tiere fliehen schon
und wir preisen das scharfe S.

die bauern eggen den asphalt
er zerbroeselt unter der kaelte der last
der last der kaelte?
warum reißen wir wunden in das gesicht
in das gericht unserer mutter.

der lavendelgeruch schwebt noch immer um uns
saeht hundertjaehrige eichen
wo ist das rezept geblieben
es befindet sich in der rose von jericho
den gedanken entsprungen
kein bauland. fluss

Angerichtet, ausgeschöpft

Lea Menges
1997

Die Natur des Menschen ist nicht diejenige,
in der er lebt, doch das vergisst er,
der Hirnstamm verfault auf erdölgetränktem Boden
in Schwarzgoldschweigen
über ein offenes Geheimnis wie eine Wunde.
Es gehen uns so viele Lichter auf, dass wir vergessen sie zu
löschen bei einem Fortschritt nach dem anderen,
auf der Erde auf die Erde verlassen
wir sie irgendwann?
Man ist nicht mal mehr dankbar, den neuen Morgen
zu erleben, nein, er muss immer besser und noch besser sein,
Optimierungswahn oder Suche Nachhalt auf der Karriereleiter,
ihre Sprossen sehnen sich in Wahrheit danach, dass schwielige Hände
sie behutsam aus dem Dunkelbraunfeucht kitzeln. Wir
brennen noch vor der Erde aus, lesen am Bett unserer Kinder
unsere eigene Erschöpfungsgeschichte vor,
sie erblicken das Licht einer Sonne, die ihnen
Sand in die Augen streut und krabbeln mit den Krebsen.
Zu viele Möglichkeiten und Gefühlsleere im Bauch der Wahl,
die Krone der Schöpfung wächst uns über den Kopf.
Skepsis, Ackerfurchen in die Stirn gegraben,
Gedanken darüber wie man zurückkönnte, weg aus
Müdigkeit und Depression, der Ursprung war aus Freude.
Am Rande des Umweltbewusstseins
stehen wir mit dem Rücken zur Wand
und wenn es nicht die Welt kostet,
dann unser Leben.
Es ist angerichtet, ausgeschöpft.

Natronsee

Laura Schiele
1998

Durch den Natronsee erstarrt der Silberreiher
Landein nur alkalisches Gebiet
Mit den Schiffen begann die Havarie
Nun gehen am Ufer die Menschen zu Bruch
Verkalkte Träume von reiner Luft
und Wasser
versalzt durch weißes Gift
Man sieht nur verhärtete
Menschenleben,
die konservierte Emotionen halten-
Tag für Tag bleibt das Beten, dass jemand das
Land wieder urbar machen wird

Stadt und Land, Umweltbewusstsein und Umweltverschmutzung, Evolution und Selbstzerstörung - und auch ein Wiedersehen mit Ulrich Kochs Planierraupe!

Die "Krone der Schöpfung wächst uns über den Kopf." "am Ufer [gehen] die Menschen zu Bruch / Verkalkte Träume von reiner Luft / und Wasser / versalzt durch weißes Gift". "der lavendelgeruch schwebt noch immer um uns / saeht hundertjaehrige eichen / wo ist das rezept geblieben"? "Am Rande des Umweltbewusstseins / stehen wir mit dem Rücken zur Wand". "Staunende Besucher drängen in den Zoo, / auf der Suche nach Attraktionen. / Gaffend sehen sie wie aus der Planierraupe / ein Parkplatz schlüpft", "dem Wurstkind aber wird kotzübel, / wenn es vom rollenden Abgasfahrzeug / am ergrauten Waldstück vorbei kutschiert wird." "de acker liegt uhne zu spreche / wer warden woche / de bauer schwätzt koi wort".

Vielen Dank für eure lyrischen Gedanken im Dezember und herzliche Glückwünsche an die sechs Gewinner*innen! Jetzt stehen alle Monatsgewinner*innen 2017 fest und die Jahresjury kann mit der Auswahl der 12 Jahrespreisträger*innen beginnen! Viel Glück allen Monatsgewinner*innen!