Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im August 2017

Wettbewerb im August 2017

Herzlichen Glückwunsch an unsere sechs Gewinner*innen zum Thema „Panoramablick“ aus dem August 2017! Die Monatslyrikerin Mara-Daria Cojocaru versorgte uns mit Lyrik im Sommer und ihrem Text „Panoramablick“. Zusätzliche Inspiration lieferte der digitale Druck „Dither“ von Rosa Menkman aus der Ausstellung „Glitch Art“ im Schafhof – Europäisches Künstlerhaus Oberbayern.

 

 

Panoramablick auf eine Generation

Zoë Dackweiler
1999

Meine graue Randnotiz trifft auf einen Hauptgedanken
Ausgelöst durch das pulsierende Wurzelgeflecht des Kirsch-
Baums
In meinem Garten aus sich windenden Ideen
Ich atme ein und nicht wieder aus weil
Sich das Gas der
Ab-
Gase
Und der vernichtenden Worte in meiner Lunge festsetzt
Und doch
Trage ich Partikel von wohlwollenden Worten auf meiner Haut, aber in meinem Herzen nur Wahres und dein Lachen
Türme stürzen ein, als ich begreife, dass ich meine Augen verschließe vor Schattierungen und Orten
Dass ich meine Augen blende mit verschlüsselten Informationen falsch gewählter Hände
Meine Stimme klingt leise, meine Seele schreit laut
Ich möchte alle Menschen beobachten, wissen was sie tun
Um Leben zu pflanzen und
Lieben?
Es ist 3:24 und eine Parallelwelt ist zu weit entfernt, die Sonne kreist immer noch um die Erde, Klimawandel ist für
Manche Alles
Einige Nichts
Krieg hat oft viele Gesichter und doch keins, wir senden Bilder, verändern wir sie auch?
Geben ist schwer.
Letztendlich sind wir doch alle nur Sternenstaub, Moleküle, Teilchen die atmen und denken
Denken wir ?
Manchmal denke ich ich denke zu viel( ich mag das Echo von Gedanken)
Manchmal denke ich ich denke zu viel ( ich mag den Klang von Gedanken )
Manchmal
Denke ich ?

Scheinriese

Katinka Kultscher
1999

So stehn wir nun auf diesem Fels, verharren in den Posen,
die Füße grimmig fest gepresst auf wurzellose Rosen,
und starren unsre Zähne an, die seltsam knochig klirren
- wir fressen die Gedanken auf, die uns zu nah umschwirren.

Die Nebelwand von unterhalb schmiegt sich schon an die Steine
und wabert bald um Hand, um Haut und Hirn und Herz und Beine.
Wer Angst vor Donner hat, muss lauter schrei´n, um nicht zu sterben,
vom Gipfel flieht, wer merkt, dass Blitze grell den Himmel färben.

Mit jedem Schritt nach hinten sehe ich dich weiter wachsen
und durch den feuchten Untergrund in Richtung Abgrund staksen.
Verschleiert und vergrößert offenbart sich nun das Bild
der scharf geschälten Seele, alle Menschlichkeit getilgt.

Dort hinten in den Augenhöhlen winden sich die Maden,
das faule Fleisch darf gänzlich in dem Monsterschweiße baden.
Fast scheint es so, als ob die Kreatur noch etwas riefe,
doch brüllend stürzt sie plötzlich ab, in bodenlose Tiefe.

Dann ist es still.

Und nirgendwo ist Trübung mehr vorhanden.
Nur Eisblöcke wo meine beiden Füße doch einst standen.
Die Landschaft präsentiert sich in der extremen Totale
und unten in der Schlucht schimmern die Scherben meiner Schale.

Ertrinken dann in Dunkelheit: die Schärfe ändert sich.
Das Mädchen vor der Linse ist genauso groß wie ich.

dein gedankenkind

Tim Schäfer
2000

tiefschlaf in der szenerie
die lauten häuser
die unbändige stete deiner
bewegungen in der hintergasse
deine wärme ist verblasst
als ich auf dem berg deiner
gelüste zu einem kleinen
schoßhund verwandelt
unnahbar zu dir hinaufblickte
mit treuer kopfschwenke
und nun an dieser straßenecke
im verschütteten gefilde
deines dornröschenschlafs
zupfe ich das unkraut deiner
nähe aus dem löchrigen
asphalt ganz bald
wachst du auf in deinem
blinden bett
wirst den frischen jähen
duft von verlassenheit
schnuppern

ich bin dein gedankenkind
und nichts weiter

engelchen, drück ab!

Jessica Taran
1999

Zomme weg
die wege
die ich gegangen bn
ein symmetrisches straßennetz
millimetergenaue passform

für die normen der gesellschaft

oberflächlich

aus der vogelperspektive

verwischen die ecken und kanten
die in ihnen zusammenlaufen
an denen ich kollabierte

und du,
engelchen,
hast den moment zerschossen
ekelst mich an
wenn du mir das bild unter die nase reibst

nach tausend jahren - wir sind ja alle unsterblich - und bis dahin
hätte ich längst vergessen

dass ich gegen die hauswand gepisst habe
wenn du die unringelbe pütze nicht fotografiert hättest

und die kieselsteine

die ich gegen jede fensterscheibe geschmissen habe
damit ich nicht ständig gegen wände laufe
mir den kopf zerbreche
kollabiere
pisse

engelchen
du hast jede scherbe aufgesammelt
(nachdem du meine illusion zerschossen hast)
und sie zu mosaik zusammengelegt
vielleicht hofft du noch
dass du mich in die kirche lockst
wenn ich meine eigene story im fensterglas durchscheinen sehe
(durchsichtig, unsichtbar, nicht existent)

doch daran hast du dich geschnitten
engelchen
an jeder einzelnen scherbe
träum weiter
von heilen welten
dafür hast du ja noch \'ne ewigkeit
mich musstest ja aufwecken, aus meiner rosaroten, und weißt du
wie scheiß weh das tut, aus den wolken zu fallen? aber du
hast ja nie gelebt

wie ein penner

anonym

straßenköterblond

Zoome weg
weit weg
massias, mein vorbild
ich folge deinen heiligen fußspuren
zumindest aufs hochhausdach
- da hat man \'ne bessere perspektive, was engelchen?

zück schon mal
die kamera
ich steh bereit
damit du auch diesen moment zerschießt
ziel auf mein herz, du bist doch so
treffsicher
hast rosarot aus meinem farbspektrum entfernt
doch ich sehe nicht schwarz
nicht weiß
ich sehe grau
vor mir der betonklotz, ich könnte kotzen

wenn du zulässt, gott
klaue ich \'nen plastikbeutel
oder doch \'ne stofftüte, damit mich niemand erkennt
wenn ich vom hochhausdach kippe

englechen, wenn ich falle lass mich fliegen
zoome weg
so weit weg
distanz auf höchstem niveau

was gibst du mir dann?

ergo decipiatur.

Anne Magdalena Wejwer
1997

die welt will betrogen sein und noch immer
sind narrenschiffe unterwegs und nussschalen
und sie kentern weiter kentern täglich
vor den stränden vor dem paradies
mit zwölf sternen das keines ist [aber was ist schon
was es zu sein scheint]
denn heute schießen fake news so schnell wie
atompilze aus dem boden doch das ist dir
egal

du sitzt vor dem fernseher zwischen chips
und bier und der trostlosigkeit deiner existenz
leben ist die zehnminütige zeitspanne zwischen
den werbeblocks das fernsehn ist das neue
opium des volkes dein größtes problem sind die
gez und die frau von den tagesthemen die dir
schon wieder was von den toten im mittelmeer erzählt
aber du hast dich schon an sie gewöhnt genau
wie an den krieg und die zerstörung und das
leid in der welt das dich nicht berührt weil
zwischen dir und der welt ein bildschirm
steht den du steuern kannst mit deinem
smartphone das ist praktisch

die grenzen deiner sprache sind die grenzen deiner
welt aber das ist nicht schlimm denn dein horizont
hat immerhin 55 zoll [und HD!] und weil du mehr werbung
siehst als du bücher liest kannst du wahlprogramme
nur noch verstehen wenn sie weniger als huntertvierzig
zeichen haben was darüberhinaus geht
willst du gar nicht wissen und
wenn dir das mit frontex zu real wird schaust
du lieber baywatch die darsteller in hollywood haben
ja auch mehr sexappeal als halbverhungerte
menschen aus gekenterten schlauchbooten

nur manchmal wenn zwischen thrillern mord und totschlag
und etwas phantasy die realität auf dem bildschirm
aufflackert wie ein irrlicht am horizont runzelst du
verwirrt deine stirn von zivilcourage demonstrationen
politischem engagement und verantwortung bekommst
du nur etwas mit wenn du ausversehen bei einer
doku landest [irgendwas über die 68er] denn du
lebst im hier und jetzt deine welt dreht sich nicht mehr
um die sonne sondern um dich selbst und das display
vor deiner nase

du siehst so viel von der welt wie kein anderer
zuvor du wohnst im internet und genau wie deine
fünftausend freunde auf facebook hast du schon lang
nicht mehr aus dem fenster geschaut
und es macht für dich keinen unterschied
ob draußen gerade die sonne untergeht
oder die welt

Erdnussbutter und Radieschen

Marlena Wessollek
2001

dass du keine Erdnussbutter mochtest
dass du manchmal noch heimlich Cello spieltest
dass du gern mit mir in Südamerika gewesen wärst
dass du mein Schnarchen sehr wohl hörtest
dass du die Spinnen nicht tötetest, sondern raussetztest
dass du Gedichte schriebst, für und über mich
dass du im Winter die kleinen Schneemänner vor der Tür gebaut hattest
dass du die Katze mehr verwöhntest als erlaubt
dass du die Kirschkerne absichtlich weniger weit spucktest als du konntest
dass du die CDs selbst aufgenommen hattest
dass du deine angebauten Pflanzen zwar Radieschen nanntest, es aber keine waren
dass du den Blauwal, den ich unter dem Bett versteckte nicht sahst
dass du bemerktest, dass ich mir die Zähne mit deiner Zahnbürste putzte
dass du die einstürzenden Mauern in Küche und Bad mit einem Lächeln beobachtetest
dass du deine Badelatschen verlegt hattest
dass du mit rausgesetzten Spinnen zusammen frühstücktest, noch bevor wir es nicht mehr taten

wusste ich nicht
hatte wohl nie / den Panoramablick,
die Katze lässt grüßen

„Mara-Daria Cojocarus Verse sind Rätsel. Schillernd, irisierend. Sie scheinen zu atmen. Ein pulsierender Rhythmus verbindet die Worte", schrieb Simone Guski vom Humanistischen Pressedienst - damit hätte sie auch eure Gedichte meinen können!

Ihr habt den "Panoramablick auf eine Generation" gelenkt, auf Scheinriesen, kleine Schneemänner, die Toten im Mittelmeer, auf Gedankenkinder und Engelchen. "Verschleiert und vergrößert offenbart sich nun das Bild/ der scharf geschälten Seele, alle Menschlichkeit getilgt" und "nun an dieser straßenecke/ im verschütteten gefilde/ deines dornröschenschlafs/ zupfe ich das unkraut deiner/ nähe aus dem löchrigen/ asphalt"...aber "nach tausend jahren - wir sind ja alle unsterblich - und bis dahin/ hätte ich längst vergessen/ dass ich gegen die hauswand gepisst habe". "du siehst so viel von der welt wie kein anderer/ zuvor du wohnst im internet und genau wie deine/ fünftausend freunde auf facebook hast du schon lang/ nicht mehr aus dem fenster geschaut" und "dass du Gedichte schriebst, für und über mich". "Manchmal denke ich ich denke zu viel( ich mag das Echo von Gedanken)/ Manchmal denke ich ich denke zu viel ( ich mag den Klang von Gedanken )/ Manchmal/ Denke ich ?"

Vielen Dank für eure lyrischen Gedanken im August und herzliche Glückwünsche an die sechs Gewinner*innen!