Monatsthemen

und Gewinner

Geistersehnsucht

Wettbewerb im Januar 2017

lyrix wünscht euch ein frohes 2017! Wir starten das neue Jahr mit dem Text „Das wird ne Geistersehnsucht – Oder: das andere Gedicht“ von Martin Piekar und der Skulptur „D9T (Rachel’s Tribute)“ des belgisch/algerischen Konzeptkünstlers Eric van Hove, zu sehen im Frankfurter Kunstverein. Unser Thema dazu lautet „Geistersehnsucht“. Was verbirgt sich für euch hinter diesem Wort? Wir sind gespannt auf eure Einsendungen!

 

 

Das wird ne Geistersehnsucht - Oder: das andere Gedicht

Martin Piekar

Morgen bleibt in Tagesrationen
Von Gewissheit hängen

Arbeitserwartung bedingt
Unsicherheit und Livetracking
Keine Verstimmung
                    Von Standorten

Geißel Gesundheit: Grünkohl-                   
                      Wirsing-Smoothies
Krebs nicht so mitten Selfies
Du wirst Duselbst in Vertretung       
           Eine Ausstellung
Von Vollmachten für dich selbst            
                      Für jeden Tag neu

Defekte Rückrufaktion     
             Stau im Rückwärtsgang
Der verordnete      Abstand
Zwischen dir und    mir       
             Wir sind nicht
Auf dem Weg zur Arbeit
Wir sind Arbeit    auf dem Weg
Zur Reibungslosigkeit             
                      Und du schnellst weg

Ich weiß, das Navi             
                     Druckt deinen Strafzettel
Satellitenfreiheit von und zu
GPS-Signal                   lost            
                       Bitte mach mich
Nicht zum Bedarfsfall                    
                                 Und bitte mach
Dass ich mich verschwenden darf

Das alte Jahr vorbei, das neue in den Startlöchern, die Vorsätze noch ganz frisch: Welche Sehnsüchte habt ihr für 2017? Ausbrechen aus den Mühlen des Alltags, sich von Zwängen und Regeln freimachen, davon haben wohl viele schon mal geträumt, nicht nur zum Jahreswechsel. Der Wunsch nach etwas Ungreifbarem, das einem im Kopf herumspukt: Vielleicht eine Geistersehnsucht? Vieles bestimmt unser Leben. Vermeintliche Kontrolle, die wir uns durch Vorschriften und Überwachungsmechanismen schaffen, lässt uns oft fremdgesteuert zurück. Wir sollen funktionieren: „Wir sind nicht / Auf dem Weg zur Arbeit / Wir sind Arbeit auf dem Weg / Zur Reibungslosigkeit“, schreibt Martin Piekar in seinem Gedicht. Bestimmen wir, wie wir unsere Beziehungen gestalten oder lassen wir uns bestimmen – von unseren Handys, der Technik allgemein, dem Gesundheitswahn oder gar dem Staat? „Satellitenfreiheit von und zu / GPS-Signal lost“. Was ist, wenn wir einfach mal ausbrechen, nicht rundlaufen, uns „verschwenden“ wie Martin Piekar schreibt? Uns nach einer anderen Welt sehnen? Einer Geisterwelt?

Habt ihr „Geistersehnsucht“? Was verbindet ihr damit? Vielleicht eine noch undefinierbare Sehnsucht etwas zu ändern, auszubrechen? „Geister“, die in eurem Kopf herumschwirren? Oder tatsächlich die Sehnsucht nach etwas Jenseitigem, Übersinnlichen oder gar eine Sehnsucht nach dem Tod? Lasst es nachdenklich werden in euren Texten, kritisch, dunkel, unheimlich oder zuversichtlich.

Wir sind gespannt auf eure Texte zum Thema „Geistersehnsucht“!

Martin Piekar

Martin Piekar, 1990 geboren, Student der Philosophie und der Geschichte an der Goethe-Uni in Frankfurt am Main. 2010 lyrix-Preisträger, 2012 Stipendiat der Stiftung Niedersachsen beim Literaturlabor Wolfenbüttel, sowie Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike. 2013 Teilnehmer des Projekts „Radikal Büchner“ von ZDF Kultur und Finalist beim Lyrikpreis München. Finalist beim Lyrikpreis München. 2015 Förderpreisträger des jungen Literaturforums Hessen-Thüringen und hr2-Literaturpreisträger. Veröffentlichte bereits in mehreren Literaturzeitschriften (z.B. POET, Neue Rundschau, manuskripte). Ist Mitglied des Jungautorenkollektivs „sexyunderground“ des Literaturhauses Frankfurt am Main. Sein erster Gedichtband „Bastard Echo“ erschien im Frühjahr 2014 beim Verlagshaus J Frank, Berlin. 2014 wurde er World Lyrikwrestling Champion.

Im Januar bietet Martin Piekar eine Schreibwerkstatt zum Monatsthema im Frankfurter Kunstverein an. Der Kunstverein hat als zusätzliche Inspiration zu unserem Thema „Geistersehnsucht“ die Skulptur „D9T (Rachel’s Tribute)“ von Eric van Hove ausgewählt. Der Konzeptkünstler richtet seinen Blick auf gesellschaftliche Veränderungen im Spannungsfeld zunehmender Automatisierung. Welche Rolle spielt die lokale Produktion in einer globalisierten Wirtschaft? Welche Auswirkung hat die zunehmende industrielle Fertigung auf den Menschen und dessen handwerkliches Wissen?

Eric van Hove
„Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge“
11. November 2016 – 12. Februar 2017

Der Frankfurter Kunstverein präsentiert die erste große institutionelle Ausstellung des belgisch/algerischen Konzeptkünstlers Eric van Hove in Deutschland. In seinen Skulpturen, Filmen und Langzeitprojekten schafft er vielfältige Bezüge zwischen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft. Im Zentrum von Eric van Hoves künstlerischer Praxis stehen Fragestellungen zur Transformation kultureller, sozialer und ökonomischer Prozesse. Das künstlerische Vorgehen van Hoves kennzeichnet die genaue Erforschung der historischen Hintergründe und Ursprünge von Dingen, die als Teil der Warenwirtschaft produziert werden und innerhalb unterschiedlicher kultureller Zusammenhänge einen Bedeutungstransfer durchleben.

Der Titel der Ausstellung, „Atchilihtallah“, verweist auf eine marokkanische Redewendung, die „dies ist, was Gott uns gab!“ bedeutet und eine Haltung zum Ausdruck bringt, die auf Vertrauen und Zuversicht in das eigene Handeln und den Umgang mit Dingen beruht. Gleichzeitig ist es eine Aufforderung, die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und Fähigkeiten so schöpferisch und effizient wie möglich einzusetzen.

Der Frankfurter Kunstverein zeigt eine Auswahl zentraler Werke des Künstlers sowie zahlreiche Neuproduktionen, die in seinem Atelier in Marrakesch entstanden sind: Skulpturen als Repliken industriell hergestellter Fahrzeug- und Motorenteile. Diese Objekte wurden mit unüblichen Materialien in einem langen, manuellen Prozess von hochspezialisierten marokkanischen Handwerkern gefertigt.

D9T (RACHEL’S TRIBUTE), 2015
160 x 132 x 165 cm, 800 kg

Mischtechnik, 44 Materialien, darunter weißes und rotes Zedernholz aus dem Mittleren und Hohen Atlas, Walnuss- und Zitronenholz, brasilianisches Purpurholz, kongolesisches Wengeholz, surinamisches Tatajubaholz, Orangenholz, Makassar-Ebenholz, Mahagoniholz, Thuyaholz, marrokanisches Buchenholz, rosafarbenes Aprikosenholz, Perlmutt aus Java, gelbes und rotes Kupfer, Schmiedeeisen, recyceltes Aluminium, Neusilber, Silber, Zinn, Kamel-, Ziegen- und Kuhknochen, Malachit aus Midelt, Achat, grüner Onyx, Tigerauge, Stein aus Taroudant, Sandstein, Fasergips Selenit (Stein), roter Marmor aus Agadir, schwarzer Marmor aus Ouarzazate, weißer Marmor aus Béni Mellal, rosafarbener Granit aus Tafraoute, Kuh-, Lamm- und Ziegenhaut, Harz, Ton aus Ourika, Terrakotta mit Glasemaille, Farbe, Baumwolle, Orangenblütenöl. Courtesy Eric van Hove

Bei der Skulptur D9T (Rachel’s Tribute) handelt es sich um eine Replik des C18 ACERT Motors des Caterpillar Bulldozers D9T. Der Caterpillar D9 gehört mit 474 PS zu den leistungsstärksten und schwersten Produkten der Caterpillar Inc. Eric van Hove bezieht sich auf den D9T, die neueste Variante des Motors, die seit 2004 hergestellt wird. Vornehmlich für Bauarbeiten eingesetzt, fanden die diversen D9 Bulldozer oft in Kriegsgebieten Verwendung, nicht nur um Schlachtfelder von Trümmern und Minen zu befreien und beschädigte Infrastruktur zu räumen, sondern auch um feindliche Kämpfer und vermeintliche Terroristenfamilien in ihren Häusern einzuebnen. So kam die Maschine auch im Zuge militärischer Aktionen sowohl im Vietnamkrieg als auch in israelischen Siedlungen zum Einsatz. Eric van Hove widmet das Werk der amerikanischen Aktivistin Rachel Corrie, die 2003 in Gaza bei dem Versuch, die Zerstörung eines palästinensischen Hauses durch einen D9 Caterpillar namens „Teddy Bear“ der israelischen Streitkräfte zu verhindern, erfasst und tödlich verletzt wurde.

Die Skulptur besteht aus 300 Einzelteilen, die aus über 400 verschiedenen Materialien maßstabsgetreu nachgebaut wurden. Ein internationales Team aus vierzig marokkanischen und fünf indonesischen Handwerkern realisierte das Objekt, sodass sowohl Materialien als auch spezifische Fertigkeiten und Wissen aus beiden kulturellen Kontexten zum Einsatz kamen.

Der Frankfurter Kunstverein

Der Frankfurter Kunstverein wurde 1829 gegründet und ist einer der ältesten und größten Kunstvereine in Deutschland. Das international renommierte Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst blickt auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte zurück. Mit dem Schwerpunkt auf der Präsentation junger Werke und Positionen, sind hier viele richtungsweisende Künstler und künstlerische Entwicklungen aufgespürt worden. Seit 1962 ist der Frankfurter Kunstverein im Steinernen Haus direkt im Zentrum der Stadt zwischen Dom und Rathaus Römer ansässig. Er hat sich zum zentralen Ort für Kunsttrends und Zukunftsthemen entwickelt und bietet eine Plattform für Ausstellungen, ortsspezifische Projekte, Performances, Künstlergespräche und Experten-Panels. Hier finden Kunstschaffende, Kreative und ein wissbegieriges Publikum ihr Netzwerk zum Austausch über Kunst, Kultur, Wissenschaft und soziale Themen.

Unter der Leitung von Franziska Nori präsentiert der Frankfurter Kunstverein Ausstellungen einer international aufstrebenden jüngeren Künstlergeneration. Ziel des Programms ist das große Potenzial des Frankfurter Kunstvereins weiterzuentwickeln, viel unmittelbarer als andere Institutionen aktuelle Thematiken aufzugreifen und in die Gesellschaft zurückzuspielen. Mit dem Verständnis von Kunst als Mittler zwischen fachspezifischem Wissen, theoretischen Positionen und Lebensrealitäten, arbeitet der Frankfurter Kunstverein daher mit Künstlern zusammen, die auch Fragestellungen aus anderen Disziplinen, sowohl Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften, aufgreifen. Ihre künstlerischen Auseinandersetzungen ermöglichen einen weiteren Blick auf das, was Gesellschaft heute ist, und was unsere Zukunft sein kann.

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