Monatsthemen

und Gewinner

Es beginnt mit einem Biss

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im November 2016

Den November und die kalte Jahreszeit beginnen wir „mit einem Biss“. Robert Prossers Text „Spiegel“ und ein Werk aus Anselm Kiefers Zyklus „Im Gewitter der Rosen“, zu finden in der Albertina Wien, erwarten euch als Inspirationsquellen zum Thema „Es beginnt mit einem Biss“. Wir sind gespannt, was ihr in euren Texten mit einem Biss beginnen lasst und freuen uns auf eure Einsendungen im November!

Spiegel

Robert Prosser

Es beginnt mit einem Biss
       einem vorsichtigen Einverleiben
der säuerliche Geschmack wie eine Scherbe       
       aus dem Himmel gebrochen und sich die Adern damit
geöffnet die Adern
und mit ihnen die Augen: schaut, es gibt Alternativen
dieses Verstehen rinnt die Speiseröhre hinab klar und
schneidend       
       sämtliche Vorstellungen von wegen Liebe durchtrennend
Gott ist ein Totengräber glaubt es mir er schaufelt
bis ein Loch in euch ist schwarz und feucht und da legt er sich
rein: als Lüge
       von wegen Auferstehung von wegen Hoffnung
also lieber den Apfel in der Hand als brennendes Holzscheit
       lasst es nicht fallen nein werft es zielt damit auf
etwas mächtiges befehlendes etwas gläsernes wolkiges
       was habt ihr schon zu verlieren?
             als Paradiesvogel in der Hölle oder als glimmende
Kohle
am Ufer des Flusses von Milch und Honig verstärkt jeder weitere
Biss den Hunger
       da sich das Leben in den Augen des anderen festkrallt
und blitzt und lockt
       könnt ihr solange vertieft ins Blätterrauschen ausharren
wie es nur Liebespaare tun
wählt Apfel und Schönheit Apfel und Vergänglichkeit
       an stillverschwiegenen Orten sich in einer Vehemenz
lieben
die die Welt dort draußen formt: laut undurchsichtig zerstörend
der Apfel ein Spiegel
       der im Wald hängt und auf euch wartet
             ihr beide genügt
diesen Spiegel zu zerschlagen und endlich ganz zu sein
in Verstecken wo Wald und Himmel implodieren
              zu Vogelflirren Flügelschatten
beißt ihr in den Apfel und dadurch in das Fleisch des Anderen
im Mund das Wissen um die Schönheit dieses zweiten Menschen

Was beginnt mit einem Biss? Vielleicht ein Essen mit einer ganz bestimmten Person, an das man sich noch Jahre später erinnert, oder jetzt im Herbst eine Plätzchen-Ess-Orgie? Bisse bringen wir mit Essen und Genuss in Verbindung. Sie können aber auch Schmerzen und Wunden zufügen. Mit einem Biss kann ein Angriff beginnen. Bisse können uns verletzen, vergiften und sogar töten. Nicht nur Menschen und Tiere beißen, auch Bisse von Vampiren, Werwölfen und Co spielen gerade eine große Rolle in der Popkultur. Beißende Schönlinge fantastischer Herkunft machen uns nicht nur Angst, sondern auch Lust. Ein Biss kann also auch erotische Fantasien hervorrufen, Sexualität verkörpern.

„Mit einem Biss“ beginnt auch unser Monatstext „Spiegel“ von Robert Prosser. Er behandelt ein uraltes Motiv der Religionsgeschichte und bearbeitet es neu: Der Biss von Adam und Eva in den Apfel und ihre darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies. Bis heute steht der Apfelbiss symbolisch für den „Sündenfall“ der Menschen. Prossers Text spielt damit, spricht ein Liebespaar an – vielleicht Adam und Eva? – und ruft es geradezu auf zum Biss in den Apfel, der es dem Ziel näher bringt „endlich ganz zu sein“:

„beißt ihr in den Apfel und dadurch in das Fleisch des Anderen / im Mund das Wissen um die Schönheit dieses zweiten Menschen“

 

Was beginnt mit einem Biss? Eine Liebesgeschichte, ein Kampf um Leben und Tod oder vielleicht „einfach nur“ ein Zahnarztbesuch, weil man sich beim kräftigen Zubeißen einen Zahn abgebrochen hat? Oder hat euch das Motiv „Apfelbiss“ rund um Adam und Eva inspiriert und ihr schreibt auch eine Neuinterpretation?

Wir sind schon gespannt, was ihr mit einem Biss beginnen lasst und freuen uns auf eure Texte im November!

Die Jury hat entschieden!