Monatsthemen

und Gewinner

Ein ewiges Rückwärtsgehen

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im März 2017

„Ein ewiges Rückwärtsgehen“ heißt das lyrix-Thema im März. Unsere Monatslyrikerin ist Anja Kampmann, aus deren Text „(für I.“ unsere Titelzeile stammt. Weitere Inspirationen gibt euch das GRASSI Museum für Völkerkunde in Leipzig mit zwei Masken der Makonde. Wohin geht ihr ewig zurück?

(für I.

Anja Kampmann

Er ist im letzten Jahr gegangen
in den Tagen danach
sahst du manchmal Schatten an den Ästen der Zweige
und das Meer
spülte Walfischknochen an, deren geheime Mitte
er suchte
Ein konstanter Abriss wie das Schwarz als Teil
des heller gestrichelten Asphalts oder
sagen wir Steine, kleinere Tänzer
unentwirrbar
das Mosaik der Zeit oder
sagen wir Muster, die ein Schwarm Saatkrähen
an den Himmel wirft
sagen wir November und schwächeres Licht
oder sagen wir Atemflocken und Erinnern
ein ewiges Rückwärtsgehen
wie der Chinese im Park von Paris
sagen wir an den Häusern der Wein
die Spatzen, ihre Schwingen, die Anatomie einer Handschwinge
an einem Frühherbsttag die Mitte
von jedem Geräusch
das durch uns durchgeht.

Anja Kampmann setzt in ihrem Text „(für I.“ ein „Mosaik der Zeit“ neu zusammen. Ihr Gedicht blickt zurück auf das letzte Jahr, in dem „Er“ gegangen ist, und bewegt sich dabei durch die Jahreszeiten. „Rückwärtsgehen“ kann mit Erinnerungen und Vergänglichkeit zu tun haben: Vielleicht hängen wir an einem Ereignis in der Vergangenheit fest und gehen gedanklich immer wieder dahin zurück. Könnten wir etwas ändern, wenn wir noch mal an den Ausgangspunkt zurückspulen könnten? Was ist seitdem passiert? Wenn wir uns nicht von dieser Idee lösen können, gehen wir ewig zurück, nehmen jede Kleinigkeit auseinander, bleiben in der Vergangenheit hängen. Oder wir gehen ewig zurück, weil wir nicht vergessen wollen. Zum Beispiel einen geliebten Menschen, der nicht mehr bei uns ist.

„Rückwärtsgehen“ kann uns eine andere Perspektive verschaffen. Sowohl beim gedanklichen Zurückgehen als auch beim tatsächlichen sehen wir die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Blicken wir durch eine Kamera und gehen zurück, passt mehr auf das Bild, werden Gegenstände kleiner und wir können sie mit größerem Abstand betrachten.

Bevor ihr selbst anfangt zu schreiben, könnt ihr euch Anja Kampmanns Gedicht zur Inspiration auch anhören. Sie liest es hier:

lyrikline.org

 

Wohin geht ihr ewig zurück? Gibt es Ereignisse oder Situationen in der Vergangenheit, zu denen ihr immer wieder gedanklich zurückgeht? Weil ihr überlegt, was ihr hättet anders machen können? Oder weil euch die Begebenheit so beeinflusst hat, dass sie immer noch auf euer Leben einwirkt? Würdet ihr gerne tatsächlich zurückgehen zu diesem Moment und die Zeit zurückdrehen? Was fällt euch noch ein zum Thema „Ein ewiges Rückwärtsgehen“? Vielleicht erzählt ihr auch die Geschichte eines „ewig Rückwärtsgehenden“ so wie Anja Kampmann in ihrem Text das Rückwärtsgehen mit einem „Chinese[n] im Park von Paris“ assoziiert.

Wir sind gespannt auf eure Einsendungen im März und wünschen euch einen schönen Start in den Frühling!

Die Jury hat entschieden!