bitte verlassen sie diesen raum

Die Jury hat entschieden!

„bitte verlassen sie diesen raum“: Mit dieser höflichen, aber doch bestimmten Bitte startet lyrix in den Februar. Die Zeile ist einem Text von Nicolai Kobus entnommen, der mit den vorhandenen Worten spielt und sie in immer neue Zusammenhänge setzt. Weitere Inspirationen bieten euch die Räume des Günter Grass-Hauses in Lübeck, in denen es unter anderem Schneckenhäuser zu finden gibt, die der Literaturnobelpreisträger gesammelt hat.

Nikolai Kobus

bitte verlassen sie diesen raum 
so wie sie ihn vorfinden möchten 
danke möchten sie diesen raum 
vorfinden wie sie ihn verlassen 
haben bitte räumen sie alles so 
vorgefundene als wären sie 
verlassen worden danke sie 
möchten doch nicht daß man 
sie so verlassen im raum vor 
findet bitte seien sie für einen so  
verlassen vorgefundenen raum 
dankbar bitte räumen sie diese 
verlassenheit als hätten sie etwas 
vorgefunden danke finden sie 
einen raum der so verlassen 
ist wie sie möchten bitte mögen 
sie derart verlassene räume danke 
so finden sie raum in der verlassen 
heit bitte versuchen sie nicht sich 
in verlassenen räumen zu finden 
danke das vorfinden verlassener 
räume möchten sie bitte unter 
lassen danke alles vorgefundene 
ist wie sie in der verlassenheit 
des raums bitte finden sie diesen  
raum so wie sie ihn verlassen haben  
danke unterlassen sie räumliches 
vorfinden bitte räumen sie diese 
so vorgefundene verlassenheit 
danke wie möchten sie in diesen 
vorgefundenen räumen verlassen 
werden bitte verlassen sie sich 
auf die stattfindende räumung 
danke möchten sie so vorgefunden 
den raum noch verlassen bitte 
verlassen sie diesen raum so wie 
sie ihn vorfinden möchten danke

bitte verlassen sie diesen raum
so wie sie ihn vorfinden möchten

Ein Schild auf einer Toilette, schon tausendfach gelesen. Aus Edelstahl, gedruckt und laminiert oder selbst geschrieben. Sollte doch selbstverständlich sein, denkt man sich, ist es aber anscheinend nicht. Hängt doch dieses Schild da. Eigentlich eine höfliche Bitte, aber doch auch eine Reglementierung, eine Art von Kontrolle. Hier ist jemand, der aufpasst.

Nicolai Kobus spielt in seinem Text mit dem Satz, nimmt ihn auseinander und setzt ihn in immer neue Zusammenhänge. Welche Wörter stecken in dem Satz und in welchem Kontext benutzen wir sie noch? „Verlassen werden“, „Verlassenheit“, „räumen“, „Räumung“.

Lässt man den zweiten Teil des Satzes weg und es bleibt nur noch „bitte verlassen sie diesen raum“ übrig, ergibt sich noch ein weiterer Kontext: Eines Raumes verwiesen werden. In welchem Zusammenhang könnte ein solcher Satz fallen?

Hier könnt ihr euch übrigens das Gedicht von Nicolai Kobus, gesprochen von ihm selbst, anhören:

lyrikline.org

Wir sind neugierig, was ihr aus dem Satz „bitte verlassen sie diesen raum“ macht. Denkt ihr auch an ein Schild auf einer öffentlichen Toilette? Oder daran, dass jemand vermeintlich höflich eines Raumes verwiesen wird? Vielleicht ist er nicht erwünscht, gehört nicht dazu, hat sich falsch verhalten? Oder ihr spielt genau wie Nicolai Kobus mit den vorhandenen Worten und setzt sie in ganz neue Zusammenhänge?

Wir freuen uns auf eure Einsendungen im Februar 2017!

Die Jury hat entschieden!

Nicolai Kobus
Nicolai Kobus, geboren 1968 in Westfalen, studierte Musikwissenschaften, Germanistik und Philosophie und lebt heute als Dichter, Übersetzer und gelegentlicher Werbetexter in Hamburg. Für seine Arbeit erhielt er mehrere Auszeichnungen, unter anderen den Wolfgang-Weyrauch-Preis der Stadt Darmstadt, den GWK-Förderpreis sowie den Förderpreis zum Ernst-Meister-Preis der Stadt Hagen. 2006 erschien im Ardey-Verlag die umfangreiche Gedichtsammlung „hard cover“. 2009 folgten Ausflüge in den Jazz. Seither verstreute Publikationen in Zeitschriften, Künstlerbüchern und Anthologien sowie im Netz.

nicolai-kobus.de

Nicolai Kobus, Foto: privat
Schneckenhäuser, Foto: Grass-Haus

Schneckenhäuser
Schneckenhäuser, die Günter Grass selbst sammelte, zu finden im „Kosmos Grass“, einem Regal im ersten Raum der Ausstellung. Günter Grass, der sich in seinen Werken oft auf Tiere bezog („Hundejahre“, Katz und Maus“, „Die Rättin“, „Der Butt“…) schrieb ebenso „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“. In weiteren Werken wie „Beim Häuten der Zwiebel“ und „Vonne Endlichkait“ taucht die Schnecke erneut in unterschiedlichstem Kontext auf. Auch in Günter Grass‘ Zeichnungen, die sich im Museum befinden, findet sich das Motiv immer wieder.

Grass-Haus, Skulpturenhof, Foto: Thorsten Wulff

Günter Grass-Haus Lübeck
Das Günter Grass-Haus ist ein Forum für Literatur und bildende Kunst. Der weltberühmte Nobelpreisträger hatte sein Sekretariat im selben Haus und lebte bis zu seinem Tod im April 2015 in der Nähe der Hansestadt Lübeck. Das historische Gebäudeensemble in der Lübecker Altstadt ist somit der ideale Ort, um sein Schaffen in einer modernen Museumsarchitektur zu präsentieren.

Günter Grass arbeitete nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Grafiker, Maler und Bildhauer. Das Museum stellt das Zusammenwirken von Wort und Bild in seinem Werk vor. Es verfügt über eine Sammlung mit mehr als 1.300 bildkünstlerischen Arbeiten sowie zahlreichen Manuskripten.

Die Sammlungsausstellung „Das Ungenaue genau treffen“ bietet immer wieder neue Einblicke in den Schaffensprozess des Künstlers und zeigt Verbindungslinien in seinen Wort- und Bildwelten auf. Darüber hinaus beleuchtet die Schau verschiedene, zum Teil kuriose Facetten aus dem Leben und Werk von Günter Grass.

Das Museum präsentiert zudem in einer viel beachteten Reihe andere Künstler, die in mehr als einer Disziplin gearbeitet haben. In der Vergangenheit konnten Sonderausstellungen über die Doppel- bzw. Mehrfachbegabungen Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, Gottfried Keller, Arno Schmidt, Ernst Barlach, Janosch, Robert Gernhardt, John Lennon, Markus Lüpertz oder Cornelia Funke realisiert werden.

grass-haus.de