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Aus Wandstücken formen wir eine Stadt, die Zeilen spuckt

Berlin beginnt mit einem Gedicht. Die im Stadtteil Mitte an die Hauswand der Niederländischen Botschaft gepinselten Worte  eine Liebeserklärung an Berlin, 1922 von Henrik Marsman geschrieben sind das erste, was ich sehe, als wir an der Klosterstraße die U-Bahn-Haltestelle verlassen und Berliner Pflaster betreten. Diese Stadt soll in den kommenden Tagen zwölf jungen Lyrikerinnen und Lyrikern Inspiration und Impulse schenken.

Anfang des Jahres wählte unsere Jury die zwölf besten Gedichte aus, die in der vergangenen Wettbewerbsrunde des Bundeswettbewerbs lyrix zu den unterschiedlichsten Monatsthemen eingesendet wurden. Die Verfasser der diesjährigen Preisträgertexte sind zwischen dreizehn und einundzwanzig Jahre alt, wohnen quer verteilt in Deutschland und bilden – wie es sich in Berlin schon bald abzeichnet – eine bunte lebendige, in sich ergänzende Gruppe. Was diese Gruppe vereint, ist ihre Begeisterung für junge Lyrik. Sie schreiben junge Lyrik, lyrix fördert junge Lyrik. Und deswegen heißt es am Nachmittag des 08. Juni: »Herzlich Willkommen auf der Preisträgerreise«.

Die Schreibwerkstatt führt auf unbekanntes Terrain

Besagte Hauswand in Mitte verkündet: ‘Berlin/die Sonne gelb’ – und genau so zeigt sich die Stadt, als wir zum Literarischen Colloquium Berlin fahren. Hier am Wannsee warten Norbert Hummelt und Anja K ampmann auf die junge Lyrik-Generation. Acht Stunden lang wird besprochen, geschrieben, diskutiert, wegradiert und nachgedacht über eigene Texte und über die der anderen. »Man kennt sich seit dem Vorabend und hat in der Gruppe schnell das Gefühl sich vertrauen zu können. Ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand in der Schreibwerkstatt verletzend wird«, äußert sich Laura Bärtle, eine Preisträgerin. Wie ein Kokon umgibt die Villa am Wannsee die Gruppe und schafft eine Fülle an Ruhe und Kreativität, die diesem Ort einen besonderen Charme verleiht. In einer Abschlusslesung werden die Schreibprozesse und -übungen in Form der entstandenen Texte vorgestellt. Diese sind über das gewohnte Schreiben hinausgegangen, denn die Werkstatt- teilnehmer wurden aufgefordert, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Das Arbeiten mit der Interlinearversion eines georgischen Gedichts, die zur Übersetzung des Textes diente, ist dabei wohl eine der größten Herausforderungen gewesen. »Jedes Gedicht, das in dieser Werkstatt entstanden ist, ist wirklich Teil der Person, die es geschrieben hat« fasst Norbert Hummelt einen intensiven Tag zusammen, der sich aufgesogen hat mit Eindrücken, Gedanken und Ideen, die in den Köpfen umherwabern und erst nach einer Weile verarbeitet sind.