Schlummernde Schätze – lyrix-Monatsgewinner neu entdeckt: „Glasbodenboot“ von Lisa Marie Jende

Tief unten im lyrix-Ozean ruhen schlummernde Lyrikschätze, die nur darauf warten (wieder)entdeckt zu werden. Kai Gutacker, Autor und ehemaliger lyrix-Preisträger, taucht für uns hinab und stellt jeden Monat ein Gedicht aus dem Meer unserer lyrix-Monatsgewinner*innen vor. Dieses Mal hat er ein Gedicht von Lisa Marie Jende aus dem Jahr 2008 ausgewählt: „Glasbodenboot“.

von Kai Gutacker

 

Im „Glasbodenboot“ geht abwärts in eine merkwürdige, aber faszinierende Wasserwelt, die von Fischen, Seesternen und Korallen bevölkert wird. Doch was diese Meerestiere dort unten treiben, erinnert keinesfalls an eine Tierdokumentation, sondern überschreitet kunstvoll die Grenze zum Surrealismus.

Glasbodenboot

Lisa Marie Jende aus Kamen im August 2008

Alarm! Alarm!
Rot glimmt das Meer
Eindringling!
Die Fischgarde schwärmt aus

Ein Stein schluppt zur Seite
Der schwarze Kampfseestern
Geht in Position
Gleitet mit Wellen
An ein Boot
Ploppt ans Glas

Ein wabbel Zacken winkt.

Trötenfisch: Signal!
Matjes stopft Korallkanone
Peng! Peng! Peng!
Seeigelgeschoss

Donnern!
Boot beult aus.
Ein wabbel Zacken winkt
Lachsfilet
Spuckt Steine hoch

Donnern!
Boot beult aus.

Welle: 3
Marschierend Seepferdchenkrieger
– Zwei Haie schwimmen
Kopfschüttelnd vorbei –

Führen die Fische hier tatsächlich Krieg oder handelt es sich um ein Spiel oder eine Übung? Überhaupt, was hat es mit dem seltsamen (Glasboden)-Boot auf sich? Es könnte der Gegner in diesem Gefecht sein, aber genauso gut auch als Basis für die Seesterne dienen. Lisa Marie Jende entwirft in ihrem ungewöhnlichen Gedicht eine genauso rätselhafte wie hektische Welt unterhalb der Wasseroberfläche. Im rot gefärbten Meer schießt, trötet und donnert es, und der Leser erfährt keine Antwort auf die Fragen, die sich ihm stellen. Das macht den besonderen Reiz dieses Gedichtes aus, es löst sich von rationalen Zusammenhängen und entfaltet seine Logik ganz in seinen Bildern. Verse wie „ein wabbel Zacken winkt“ lösen sich ganz bewusst von der Grammatik und zeigen spielerisch, dass Sprache nicht „korrekt“ sein muss, um etwas anschaulich darzustellen. Es geht uns wie den Haien: Wir bleiben mit einem leichten Kopfschütteln zurück, aber mit einem angenehmen.

Kai Gutacker
Kai Gutacker, 1990 in Frankfurt am Main geboren, war lyrix-Preisträger 2008, 2009 und 2010. Er studierte Deutsche und Europäische Literaturen sowie Kulturwissenschaft in Berlin. 2014 nahm er an Juri Andruchowitschs Lyrikprojekt „Erfundene Dichter“ teil. Im August 2016 erschien sein erster Erzählband „Nacht auf die Handfläche“ im Verlag Das Wunderhorn. Derzeit arbeitet er an seinem Romandebüt.

Kai Gutacker, Foto: Vanessa Vogl Fotography