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Schlummernde Schätze – Monatsgewinner neu entdeckt: "#super #welt #geil" von Philippe Bürgin

Tief unten im lyrix-Ozean ruhen schlummernde Lyrikschätze, die nur darauf warten (wieder)entdeckt zu werden. Kai Gutacker, Autor und ehemaliger lyrix-Preisträger, taucht für uns hinab und stellt Gedichte aus dem Meer unserer lyrix-Monatsgewinner*innen vor. 2013 war Phillipe Bürgin Jahrespreisträger mit einem titellosen Gedicht über Ausgrenzung und das Verkennen anderer Menschen. Sein Beitrag zum Monatsthema „Ruhm“ aus dem März 2014 geht in eine ähnliche Richtung. Dieser wird nun von Kai Gutacker als Schlummernder Schatz neu vorgestellt.

 

von Kai Gutacker

#super #welt #geil

Philippe Bürgin im März 2014

die größten köpfe my-ner generation
blähen wie montgolfiere
über den köpfen von ahnungslosen
zerplatzen sie im ALLeingang
PENG! KRACK! POP!
kultur unverschlüsselt übertragen
durch die klebrigen weben des webs
WhatsApp? fragt der Buschfunk
das wird von vögelchen getwittert
in weniger als 80 tagen um die welt
verbindet eine YouTube jede pinnwand
x-press klick hashtag klick KNACK!
die 100 millionen marke
zum preis? tauchengehen im mainstream
das ziel: noch 1 milliarde
klick hashtag klick Ungefähr
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wie sie waren
wie sie sind
wie
wir sie haben wollen
also sprach jesus christus
über die digitaldementen
ich versteh euch nicht!
newtons apfel fiel nicht weit vom stamm
ehe ein mann namens jobs ihn anbiss
selbst wenn ein wurm drin war
schlägt das imperium zurück
wenn es sein oder nicht sein muss
stolpert freud über einstein
auf die couch hashtag wreckingball
in den tempel des todes hashtag ford
um gemeinsam den bach runterzugehen
mit kleinen Schritten für einen Menschen
aber riesigen Sprüngen für die Menschheit

Bereits mit dem Einstieg geht Phillipe Bürgin direkt in die Vollen: erst eine Anspielung auf Allen Ginsbergs Howl mit dem wahrscheinlich prominentesten Vers der Beatniks. Dann ein Rückverweis auf das 19. Jahrhundert mit seinen Montgolfieren, die ebenso aus der Zeit gefallen sind wie die beschriebenen Personen, deren Köpfe zerplatzen.

Dieses Spannungsfeld zieht sich durch das gesamte Gedicht. Auf der einen Seite die scheinbar gestrigen, aber besonderen Menschen, die in ihrem jeweiligen Gebiet Einzigartiges geleistet haben. Newton wird erwähnt, Jules Verne, Jesus Christus – Shakespeares Hamlet erlebt per Zitat ebenfalls einen Gastauftritt. Auf der anderen Seite die schnelllebige und digitale Medienwelt mit einer Google-Suche, die innerhalb von Zehntelsekunden dreieinhalb Milliarden Einträge auflistet. "Digitaldemente", denen es nur auf Klickzahlen anzukommen scheint – das ist sehr hart formuliert, hier geht es um einen wütenden Ausdruck, nicht um ein objektives Urteil.

Philippe Bürgin entwirft ein Verfallsszenario, das temporeich die heutige Medienwelt darstellt, und von einer popkulturellen Anspielung zur nächsten hetzt. Dabei wird häufig beschrieben, wenig ausdifferenziert. Twitter, YouTube, WhatsApp – in diesem Gedicht gibt es keinen Unterschied zwischen diesen Kanälen. Das muss allerdings kein Vorwurf sein. Schließlich drückt ein Dichter hier aus, was wir alle bereits mindestens einmal erfahren haben: heillose Überforderung in der heutigen, digital beschleunigten Welt.

 

 

Kai Gutacker
Kai Gutacker, 1990 in Frankfurt am Main geboren, war lyrix-Preisträger 2008, 2009 und 2010. Er studierte Deutsche und Europäische Literaturen sowie Kulturwissenschaft in Berlin. 2014 nahm er an Juri Andruchowitschs Lyrikprojekt „Erfundene Dichter“ teil. Im August 2016 erschien sein erster Erzählband „Nacht auf die Handfläche“ im Verlag Das Wunderhorn. Derzeit arbeitet er an seinem Romandebüt.