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Schlummernde Schätze – lyrix-Monatsgewinner neu entdeckt

Tief unten im lyrix-Ozean ruhen schlummernde Lyrikschätze, die nur darauf warten (wieder)entdeckt zu werden. Kai Gutacker, Autor und ehemaliger lyrix-Preisträger, taucht für uns hinab und stellt jeden Monat ein Gedicht aus dem Meer unserer lyrix-Monatsgewinner*innen vor. Dieses Mal hat er ein Gedicht von Tong Mao aus dem Jahr 2008 ausgewählt: „sechs wochen/eine wohnung“.

 

 

Dieses Mal: „sechs wochen/eine wohnung“ von Tong Mao

von Kai Gutacker

Den bundesweiten Wettbewerb lyrix gibt es inzwischen seit mehr als acht Jahren, in denen die verschiedensten Jahrespreisträger*innen die Jury von ihrer Vielseitigkeit und Wortgewandtheit überzeugen konnten. Über all diese Jahre hinweg entstand so ein buntes Mosaik an Gedichten, die uns zum Nachdenken angeregt, zum Schmunzeln gebracht oder auf eine gedankliche Reise mitgenommen haben. Doch auch unter den Monatssieger*innen, die keinen Jahrespreis erhalten haben, liegen echte Schätze verborgen. Einer dieser schlummernden Schätze stammt aus dem Jahr 2008, als lyrix noch in den Kinderschuhen steckte. Tong Mao aus Hagen beschreibt darin ein kompliziertes Liebesverhältnis.

sechs wochen/eine wohnung

Tong Mao aus Hagen (*1992) im Juli 2008

zwischen den wochen
legen wir die schwere verschwebt
fließen fadenlos unsre körper in einen
und stechen schlaf wie schwerter in sich

zwischen uns
drückt sich die nähe in haut handschuh-
weiß die zeit in zylinder
und zieht die ruhe heraus

ich will dir das herzass erraten
doch deine wimpern mir atem entschlagend
hungern nach bildern deren trinkgeld zu hoch ist
von sonnfarben vermaltem sand

mein wort verläuft auf deiner wange
in schweigende tropfen an deinem ohr
mir bleiben nur meine lippen und deine, zu sagen:
fühlst nicht hier du dich verzaubert?

Was, wenn die gemeinsam erlebte Zeit nur einem der beiden Partner Geborgenheit schenkt? Wenn man ständig das Zusammenspiel von Nähe und Distanziertheit erfährt, weil man sich mit dem anderen die Wohnung und das Bett teilt. Aber diese körperliche Nähe ist schmerzhaft, denn offenbar fehlt etwas in dieser Beziehung. Der eine wendet sich ab, wahrscheinlich mit der Situation überfordert, und denkt sich an einen Ort, an dem der andere nicht ist. Der andere bemerkt das natürlich und versucht, ihm oder ihr dorthin zu folgen, aber alles, was er tun kann, ist den Menschen neben sich kritisch zu beäugen. Sein Verhalten deuten und seine Gedanken erforschen zu wollen. Ihm das Herzass zu erraten, herauszufinden, ob die eigene Hoffnung begründet ist oder nicht. Und doch kommt man sich – körperlich – immer wieder nahe.

Tong Mao hat in ihrem Monatsgedicht aus dem Juli 2008 diese verworrene und verwirrende Situation eindrucksvoll beschrieben. Die verschwebte Schwere zwischen zwei Menschen, die aneinander herausfinden müssen, was das Richtige für sie sein könnte, wird hier so anschaulich gezeichnet, dass das Gedicht über den individuellen Ausdruck eines lyrischen Ichs hinausgeht und eine Atmosphäre erzeugt, in der sich viele Leser wiederfinden können. Mit ihren sehr speziellen, aber organischen und greifbaren Bildern hat Tong Mao in wenigen Strophen beschrieben, wie zwiespältig die Liebe manchmal sein kann.

Kai Gutacker
Kai Gutacker, 1990 in Frankfurt am Main geboren, war lyrix-Preisträger 2008, 2009 und 2010. Er studierte Deutsche und Europäische Literaturen sowie Kulturwissenschaft in Berlin. 2014 nahm er an Juri Andruchowitschs Lyrikprojekt „Erfundene Dichter“ teil. Im August 2016 erschien sein erster Erzählband „Nacht auf die Handfläche“ im Verlag Das Wunderhorn. Derzeit arbeitet er an seinem Romandebüt.