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Nach lyrix: Was macht eigentlich… Julia Frick

Ein Artikel aus der Kategorie „lyrix – und dann?“. Auch für uns ist es immer wieder spannend, was ehemalige Preisträger*innen einige Jahre nach ihrem Gewinn bei lyrix machen. Ganz unabhängig davon, ob sie noch schreiben oder nicht. Eine, die noch schreibt, ist Julia Frick, lyrix-Preisträgerin der ersten Stunde. Mittlerweile arbeitet sie an einer Romanbiografie über ihren Großvater, der zur Zeit des Nationalsozialismus in einer Nervenheilanstalt ermordet wurde. Über ihre Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ hat sie mit Kai Gutacker, selbst lyrix-Alumni, gesprochen.

Julia Frick gehörte 2008 und 2009 zu den Jahresgewinnern der ersten beiden lyrix-Runden. Mit ihren humorvollen Gedichten und ihrem bunten Erscheinungsbild stach sie hervor. Damals wollte sie Operngesang studieren und Kinderbücher schreiben – doch gesundheitliche Probleme zwangen sie dazu, ihr Leben neu auszurichten.

Heute studiert sie Europäische Ethnologie in Kiel. Das Schreiben hat sie allerdings nicht aufgegeben. Inzwischen arbeitet sie an einer Romanbiografie über ihren Großvater, einen Komponisten und Dirigenten, der aufgrund familiärer Intrigen 1941 in eine Nervenheilanstalt eingeliefert und dort als angeblich Geisteskranker ermordet wurde.

Heute schreibst du kaum noch Lyrik, sondern hast dich entschieden, die Geschichte deines Großvaters aufzuschreiben. Was hat dich dazu bewegt?

Der erste Anknüpfungspunkt zu meinem Großvater kam durch die Liebe zur klassischen Musik. Wie er wollte ich damals die Musik zu meinem Lebensmittelpunkt und auch zu meinem Beruf machen – das hat uns miteinander verbunden, obwohl ich ansonsten wenig von ihm wusste. Besonders seine Todesumstände waren sehr seltsam, in meiner Familie hieß es, er sei in einer Klinik gestorben. Als ich das Gesangsstudium aufgeben musste, war das eine ziemlich harte Zeit für mich. Aber in der Erforschung seiner Geschichte hatte ich auf einmal wieder eine wichtige Aufgabe gefunden. Im Wissen, dass etwas nicht stimmen konnte, habe ich Archive und Ämter angeschrieben, meine Familie ausgequetscht und – beinahe wie in einem Film – Dokumente auf dem Dachboden gefunden. Auch mein Schreiben hat sich in dieser Zeit entwickelt, die Texte wurden länger, prosaischer. Und je mehr Details ich von der Ermordung meines Großvaters erfahren habe, desto sicherer wurde ich, dass ich sein Leben zu einem Buch machen möchte. Daran arbeite ich jetzt schon seit mehreren Jahren und ich habe das Gefühl, ihn dadurch immer besser kennen gelernt zu haben.

Generell setzt du dich sehr für die Aufarbeitung der so genannten „Euthanasie“ im Dritten Reich ein. Was ist dir das Wichtigste daran?

Während meiner Recherche habe ich immer wieder gesehen, dass sich Traumata durch Kriege weitervererben können, einfach weil das Schweigen weitergetragen wird. Deshalb versuche ich, über meine eigene Geschichte hinaus dazu beizutragen, dass es möglich ist, dieses Schweigen zu brechen. Wichtig für mich ist das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Eine Opernarie zu singen ist toll, aber manchmal habe ich mich gefragt, ob es auch unbedingt nötig ist. Diese Frage stelle ich mir hier nicht. Es ist sehr berührend, die Geschichten von anderen zu hören, und mitanzusehen, wie Vergangenheit bewältigt wird, anstatt sie zu verdrängen. Das gibt mir immer wieder aufs Neue die Überzeugung, dass jedes Leben lebenswert ist. Besonders, weil viele im Dritten Reich vom Gegenteil überzeugt waren. Dort gab es diese Begriffe wie „Ballastexistenz“ oder „lebensunwertes Leben“ – und als Folgen eben auch das „Euthanasie“-Programm.

 

Welche Bedeutung hat für dich das offizielle Gedenken – zum Beispiel die Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer der „Euthanasie“, die Ende Januar stattfand?

Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen dafür, dass es möglich ist, die NS-„Euthanasie“ zur Sprache zu bringen. Das ging vor einigen Jahren noch nicht so. Für mich ist es wichtig zu sehen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Vergangenheit immer mehr Raum bekommt. Nicht nur von offizieller Seite – es erscheinen ja auch immer mehr Bücher und Dokumentationen.

 

In die zweite Januarhälfte fiel auch der Amtsantritt von Donald Trump, der sich immer wieder ausfallend gegenüber anderen Nationen und Ethnien gezeigt hat – genauso wie die „Holocaust-Rede“ von Björn Höcke. Wird die Diskriminierung heutzutage wieder gesellschaftsfähig? Droht sich die Geschichte zu wiederholen?

Solche Entwicklungen zeigen, wie überfällig diese Arbeit ist. Es ist ganz wichtig, geeignetes Identifikationspotenzial herzustellen. Ich denke, vor allem daran fehlt es denjenigen, die heute der AfD oder PEGIDA folgen. Besonders wichtig ist es deshalb, dass wir mit der Gedenkarbeit versuchen, dieses Identifikationspotenzial wenigstens anzubieten. Und wenn ich dann höre, wie beispielsweise ein Herr Höcke über den Holocaust spricht, ist das nur noch mehr Ansporn für mich, weiterzumachen. Allerdings finde ich nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Das geht nicht, schon allein logisch. Trotzdem können Strömungen wiederkommen, können sich ähnlich konstituieren und deshalb ist es wichtig einzugreifen. Denn ich denke, dass man durchaus von der Geschichte lernen kann – das geht aber nur, wenn man sich von ihr emotional berühren lässt und sie nicht nur aus Zahlen und Daten besteht.

 

Wie empfindest du es, dass du mit deiner Arbeit so viel Resonanz erhältst?

Ich habe anfangs gar nicht damit gerechnet, dass so viele Anfragen kommen, besonders von Fernsehsendern und Zeitungen. Das war ja schließlich auch nicht meine Intention. Trotzdem habe ich freudig zugesagt, weil das für das Thema ja sehr wichtig ist. Zum Glück konnte ich mich langsam daran gewöhnen, dass das Interesse gestiegen ist. Dadurch konnte ich nach und nach lernen, das Thema auch etwas professioneller anzugehen. Wichtig ist mir vor allem, dass es nicht in erster Linie meine Person ist, die im Vordergrund steht, sondern eben die Gedenkarbeit. Danach komme ich mit dem Rahmen, den ich den Dingen gebe, mit der Art, wie ich sie präsentiere. Ich möchte, dass das Thema in den Köpfen der Leute ist – damit hätte ich ja schon viel erreicht.

 

Gibt es etwas, das du von deiner lyrix-Teilnahme für dein jetziges Schreiben mitgenommen hast?

Der erste Jahressieg ist ja nun schon neun Jahre her, und ich muss zugeben, dass mir nicht mehr alles präsent ist. Aber auf jeden Fall hat es mir eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein gegeben, einen Push, mit meinen Texten auch an die Öffentlichkeit zu gehen und dafür Bestätigung zu erhalten. Sie damit auch der Kritik auszusetzen. Ich glaube, dass lyrix mir dabei geholfen hat, mein eigenes Schreiben zu reflektieren. Denn gedichtet habe ich zwar schon, seit ich schreiben gelernt habe. Aber die Auseinandersetzung mit anderen Autoren war neu für mich. Es hat mir irgendwie auch gezeigt, dass ich nicht der einzige Nerd auf dieser Welt bin – denn das literarische Schreiben ist ja schon etwas, das von vielen als exotisch wahrgenommen wird. Bei lyrix war das nicht so. Dort hatten alle dieselben Interessen wie ich, und das war die Basis für einen gemeinsamen Austausch.

 

Wir danken Julia Frick für das Gespräch und Kai Gutacker für das Führen des Interviews!

Weiterführende Infos: gedenkort-t4.eu

Hier ist übrigens das Gedicht, mit dem Julia 2010 zur Jahresgewinnerin gewählt wurde:

Übermut ist mit Vorsicht zu genießen - oder: der Fisch im Baum -

Julia Frick

Plötzlich hing ein Fisch im Baum,
und als der Ast schon krachte,
flog ein Vögelchen vorbei,
das ihn, ins Federkleid gebettet,
schnell nach Hause brachte.

Sein zu Hause war das Meer,
denn er hat nur Flossen,
doch kam er voller Tatendrang
mit falschem Ziel im Kopf
durchs kühle Nass geschossen.

Er hatte scheinbar Großes vor,
er wollte hoch hinaus.
Doch, wie er später selber sagte:
"An Gefahren dacht' ich nicht,
ich wollt halt mal da raus!"

Wisst ihr, wenn man Träume hat,
dann sollte man sich trauen,
doch trotzdem ist es angebracht,
voraussichtig zu handeln
und auf Risiken zu schauen.

Der Fisch im Baum heißt "Übermut"
und handelt oftmals blind.
Die "Vorsicht" war sein guter Hirte,
und so flog durch lauen Wind
der Fisch ein letztes Mal - nach Haus!
Er irrte.