Blog

Münchner Lesereihe „Liaison“: Aus dem Keller in die Stadt

von Daniel Bayerstorfer

 

 

Dieses Mal stellt Babelsprech-Autor Daniel Bayerstorfer die Lesereihe "Liaison" aus München vor. Der Artikel erscheint im Rahmen einer Reihe von Veröffentlichungen auf unserer lyrix-Seite, die euch die Lyrikszene jenseits des Establishment näherbringen will. Kuratiert wird sie von Max Czollek.

Auch in einer Stadt wie München lassen sich Nischen finden. Schwerer zwar, weil es kaum noch Gebäude gibt, die man bis zu ihrer Neunutzung oder ihrem Abriss bespielen kann. Aber wenn sich so eine Gelegenheit bietet, stehen die (um Platz konkurrierenden) Partyreihen schon Schlange. Die Nische darf also nicht zu offensichtlich sein, noch besser: von außen unsichtbar. So ein Ort war für zwei Jahre der sogenannte Keller der kleinen Künste im Münchner Gärtnerplatzviertel, das aus Fassbinderzeiten noch über etwas Reststrahlkraft verfügt. Aber auch im 70er-Jahre-Alternativ-Schwabing ist der Platz begrenzt, deswegen musste ein Keller in einem Wohnhaus herhalten, keine Bar oder ein Atelier. Der Keller war (obwohl sehr niedrig) breit und verwinkelt, niemand kannte wirklich jede Ecke, außer vielleicht Ayna Steigerwald, die Organisatorin der Lesereihe Liaison, die in Ein-Frau-Regie das Ganze auf die Beine stellte:

„Der Impuls, eine Lesereihe zu starten, kam Anfang 2014 von der Underground-Kultur-Theater-Ausstellungsraum-Organisation selbst, um regelmäßig Veranstaltungen mit literarischem Schwerpunkt ins Programm zu holen. Nach anfänglichem Zögern nahm ich die Aufgabe an, barg sie doch die Möglichkeit, einen weiteren kleinen Raum für unabhängige Lesungen im Herzen der Stadt zu schaffen…Abgesehen von der Grundidee, so frei wie möglich zu agieren und jeden Abend zu variieren, entwickelte sich die Lesereihe im Verlauf von zwei Jahren mehr und mehr zu einem Rahmen sozialer Interaktion.“

Der Raum wurde ständig reorganisiert. Die Lesesituation war niemals gleich. Die Stühle ließen sich frei verteilen. Zwar gab es mit einer Sofaecke so etwas wie Partiturplätze für zu spät gekommene und Barhelfer*innen, aber der Rest des Publikums wanderte über die Monate herum, wurde um die ausgestellten Kunstwerke neu angeordnet. Die Bühne wurde den Performances angepasst, die groben Wände dienten als Leinwand. Neben der Lesereihe fanden hier auch Theater-, Film- und Videoaufführungen statt, für die kurzerhand Vorhänge und Podien installiert wurden. Die Präsenz dieser anderen Veranstaltungen übertrug sich auf die Lesereihe. Oft standen noch Bühnenbilder im Eck, Schauspieler*innen boten sich an, dramatische Texte zu lesen und überhaupt war der “Weg” zu anderen Kunstgattungen nicht weit. Ayna Steigerwald, die ebenfalls auch fürs Theater tätig ist, kuratiert ihre Lesereihe, die sich bisher ausschließlich aus den Einnahmen des jeweiligen Abends finanzierte, mit viel Sinn für interessante Zusammenstellungen aus Prosa, Lyrik, Drama und Performance oder einer Mischung aus allem.

Die Liaison hat sich als Versuchslabor bewährt, wo Improvisationslesungen und Zusammenarbeiten stattgefunden haben, die auf anderen Bühnen so nicht denkbar gewesen wären. So entstanden Texte nicht unbedingt für die Lesereihe, sondern durch die Lesereihe. In diesem Zusammenhang ist v.a. eine Lesung mit dem Namen Kooperation zu erwähnen, die diesen Januar zum zweiten Mal stattgefunden hat. Dreißig Münchner Autor*innen aller Altersstufen wurden in Paare eingeteilt und “beauftragt”, gemeinsam Texte zu schreiben, die dann an einem Abend (mit so vielen Lesenden wie Zuhörenden) vorgetragen bzw. gespielt wurden.

Kooperation ist überhaupt ein gutes Stichwort: Immer wieder arbeitet Ayna Steigerwald mit anderen Lesereihen und Institutionen zusammen. Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL) war mit seiner Jahresanthologie Tippgemeinschaft 2016 zu Gast, der Omnibus der CROWD, der Dichter*innen aus ganz Europa mit sich brachte, hielt in München.

Ein besonderer Vorzug der Lesereihe ist, dass neben bekannteren und bühnenerprobteren Gästen, immer auch noch unerfahrenere Schriftsteller*innen eine Plattform erhalten haben, die hier erste Leseerfahrungen machten. Viel mehr als andere Bühnen der Stadt, hatte die (bisher) monatlich stattfindende Liaison die Möglichkeit, für künstlerische Inklusion zu sorgen. Viele Teilnehmer*innen der ortsansässigen Schreibwerkstätten und Menschen, die bisher nur für sich geschrieben haben, können ihre Texte hier genauso vorstellen, wie die, die schon veröffentlicht haben.

„Als totales Independent-Underground-Ding blieb zu Beginn nicht viel anderes übrig, als einfach mal auszuprobieren, so gesehen das Beste daraus zu machen und vor allem die hiesige Münchner Szene einzuladen, positiv formuliert: einen intimen und familiären Treffpunkt zu schaffen.“

Nach den Lesungen wurde der Keller zur Bar und es bestand die Möglichkeit, mit den Autor*innen ins Gespräch zu kommen und andersrum. Oft musste dazu nicht einmal die Bühnensituation abgebrochen werden, da der/die Lesende schon zwischen dem Publikum saß. Genauso fließend läuft hoffentlich Folgendes ab:

Der Grund, warum ein Großteil dieses Artikels im Präteritum gehalten ist, ist der Tatsache geschuldet, dass nach zwei Jahren Schluss mit dem Keller im Gärtnerplatzviertel war und eine kleine Zwangspause anstand. Nun zieht die Lesereihe (endlich mit ein wenig Unterstützung von der Stadt) nach Giesing ins Hoch X und wird ab jetzt viermal im Jahr stattfinden.

Wer bei der Liaison alles gelesen hat und wann es die nächsten Lesungen gibt, findet ihr hier.

 

 

Und zum Schluss noch ein paar Fotos von der Liaison (Fotos: Mario Steigerwald):