Lyrik plus x

von Max Czollek

Als ich mit dem Schreiben begann, war es wichtig für mich, zu wissen, dass es viele Menschen gibt, die auch Lyrik schreiben und die auch auf der Suche nach Gleichgesinnten sind.

In den letzten Monaten ist viel von einer Renaissance der Lyrik geschrieben worden. Prominent beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung vom 5./6. März 2016. Als Beweis für diese Renaissance dient ein vermeintlich höheres mediales Echo, sowie die Vergabe von Literaturpreisen wie den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 an den Lyriker Jan Wagner. Gegen diese Beweisführung ließe sich einwenden, dass das Organisieren und die Kooperation, kollektives Schreiben und gegenseitige Kritik bereits seit Jahren eine wichtige Rolle für die deutschsprachige Lyrik spielt.

Die aktuelle Renaissance der Lyrik, scheint es mir, ist in erster Linie eine Renaissance medialer Aufmerksamkeit. Auf eine Weise erliegt die Süddeutsche Zeitung stellvertretend einer Art narzisstischer Täuschung, wenn sie die eigene Entdeckung einer deutschsprachigen Gegenwartslyrik mit der allgemeinen Renaissance einer Lyrikszene gleichsetzt. Denn die Rede von einer Renaissance übergeht ja gerade jenes seit Jahren quicklebendige lyrische Feld, welche die Journaille entweder wissentlich ignoriert oder von der sie – noch schlimmer –wirklich nichts ahnt.

Mit der neuen lyrix-Website möchten wir das alles natürlich viel besser und ganz anders machen und euch in den einen Eindruck davon vermitteln, wo wir uns organisieren, diskutieren und gemeinsam arbeiten. In diesem Sinne ist die Seite von Schreibenden für Schreibende konzipiert. Die Lebendigkeit dessen, was ich hier verkürzt Lyrikszene nenne, ist eigentlich Ergebnis einer vielfältigen und differenzierten Zusammenarbeit Schreibender und Lektor*innen, Institutionen und Verlage. Für die Entstehung dieser Lyrikszene kooperieren also Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen.

Aber keine Illusionen: Lyrik ist vom Literaturbetrieb weitgehend missachtet – kurzfristig ändern daran auch ein paar Artikel oder prominente Preise nichts. Im Windschatten der Aufmerksamkeit haben sich allerdings alternative Formen der Anerkennung etabliert. Was Gegenwartslyrik auszeichnet, entscheidet eben nicht eine Preisjury oder ein Verlag, sondern all jene, die sich die Form aneignen und mit ihr arbeiten. Was Lyrik ist, hängt also auch mit der Fähigkeit der Autor*innen zur Selbstorganisation zusammen. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass Lyrik heute auch eine Bewegung ist, die sich über die Schreibansätze, Altersgrenzen und Wohnorte hinweg organisiert. Es auch der Grund, warum wir euch mit dieser Website dazu einladen wollen, mitzumachen.

Im Folgenden möchte ich einige Beispiele für Impulse und Strukturen nennen, die es in den letzten Jahren gegeben hat und die wichtige Bezugspunkte für mich als jungen Autoren waren. Seit 1986 gibt es beispielsweise das Treffen junger Autoren, welches jährlich im Rahmen der Berliner Festspiele stattfindet. Offen für alle literarischen Formen findet mit dem TJA auch eine interdisziplinäre Begegnung jüngerer Autor*innen statt. Über das TJA habe ich einige tolle Lyriker*innen erstmals kennengelernt (Rebecca Ciesielski, Christiane Heidrich, Rick Reuther, Max Wallenhorst, uvm.): Treffen Junger Autoren

Wenn das TJA den Schwerpunkt eher auf die Begegnung von Autor*innen legt, geht es beim Nachwuchspreis Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin um einen ersten Kontakt mit dem Literaturbetrieb in Form von Preisvergabe und Jurykritik. Dabei werden zwei separate Preise an Lyrik und Prosa und ein Publikumspreis vergeben (Literaturwerkstatt Berlin / Haus für Poesie).

Ferner soll auch jene Gruppe von Independent-Verlagen nicht unerwähnt bleiben, die sich da etabliert hat, wo Lyrik für die großen Verlage ökonomisch nicht mehr interessant ist (bzw. wo große Verlage allein nach ökonomischen Gesichtspunkten entscheiden!). Erwähnt werden soll hier nur eine kleine Auswahl von Lyrik-Verlagen: kookbooks, Verlagshaus Berlin, luxbooks, Edition Azur, Poetenladen, Parasitenpresse, Edition Korrespondenzen, Reinecke & Voss, Brueterich Press oder Hochroth. Aber jährlich entstehen neue Verlage. Schaut euch mal in den Buchläden eurer Stadt um. Fragt nach Gegenwartslyrik. Wenn sie nichts dort haben, dann bittet sie, das zu bestellen!

Mindestens genauso wichtig wie eine Anerkennung durch den Literaturbetrieb ist allerdings die schon erwähnte Selbstorganisation. Dafür sind nicht nur Institutionen wie das deutsche Literaturinstitut Leipzig oder der Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim wichtige Treffpunkte; in den letzten Jahren haben sich auch neben diesen Zentren zunehmend nicht institutionell gebundene, lokale Initiativen gegründet. Ein Teil davon hat sich 2015 zur Plattform unabhängiger Lesereihen zusammengeschlossen (lesereihen.org). In den kommenden Monaten werden wir euch auf dieser Website unterschiedliche Lesereihen vorstellen; vielleicht ist ja auch etwas in eurer Nähe dabei und wenn nicht, vielleicht ist es an der Zeit, mal eine Lesereihe zu gründen!

Nicht selten entwachsen zukünftige Autor*innen der Initiative kleiner, lyrikbegeisterter Netzwerke. Mein eigenes Netzwerk war seit 2009 das Lyrikkollektiv G13, mit dem ich Touren durch Deutschland organisierte, Bücher publizierte und – das wichtigste – Texte diskutierte (gdreizehn.wordpress.com). 2013 habe ich dann gemeinsam mit den Autoren Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) das Projekt Babelsprech initiiert. Ziel war eben jene Weiterführung der internen Vernetzung von Lyriker*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, also aus Deutschland, Schweiz, Österreich, Liechtenstein und Südtirol. Spuren findet ihr auf der Website und in der dritten Ausgabe der Anthologie Lyrik von Jetzt 3 (Wallstein 2015).

Für die Repräsentation von Lyriker*innen sind Onlineplattformen wie lyrix, Poetenladen oder Fixpoetry wichtige Anlaufstellen. Lyrix ist sicher beides: Eine Mischung aus TJA, babelsprech und Preisausschreiben ließe es sich als eine Art umfassendes Förderprogramm für Schreibende einordnen, dass sich an junge Schreibende richtet. Hoffentlich lest ihr gerade diesen Text. Vielleicht habt ihr ja schon eine Ahnung davon, welche Themen euch interessieren und was für eine Lyrik euch interessiert. Vielleicht seid ihr – wie wir alle – auf der Suche nach Zeilen, schaut Filme, hört Rap, zockt Computer oder bereist die Welt. Was auch immer ihr tut, vergesst nicht das Lesen!

Ich fasse zusammen: auf dieser Website möchten wir euch einen Eindruck davon vermitteln, wo Autor*innen sich heute organisieren, diskutieren und gemeinsam arbeiten. Die Artikel auf der Website sind als Einladungen gemeint, einen eigenen Zugang zu dem zu finden, was die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ausmacht und ausmachen könnte. Dabei beginnen mit einer Reihe zu den unabhängigen Lesereihen. Stellvertretend für die Redaktion freue ich mich, etwas Licht auf eine deutschsprachige Gegenwartslyrik zu werfen. Dabei erheben wir natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wollen euch animieren, selber weiter zu suchen.

Als ich mit dem Schreiben begann, war es wichtig für mich, zu wissen, dass es viele Menschen gibt, die auch Lyrik schreiben und die auch auf der Suche nach Gleichgesinnten sind. Damals habe ich gemeinsam mit Freund*innen das Berliner Lyrikkollektiv G13 gegründet. Es gibt viele weitere Möglichkeiten und ich hoffe, diese Website unterstützt euch dabei, eure eigenen zu finden. Da wir hier von lyrix sprechen: schaut euch monatlich an, was die thematische Ausschreibung ist! Schreibt Gedichte oder zieht sie aus der Schublade und reicht sie bei lyrix ein. Schreibt Artikel oder Ideenvorschläge und schickt sie an uns (hallo@bw-lyrix.de). Wir freuen uns über alle Nachfragen, Anregungen oder Initiativen.

Max Czollek
kontakt@babelsprech.org