Land in Sicht! Fernsprecher gesucht

Eine junge Lesereihe in Köln: ein Ort für alle, die Lust am Schreiben und Lust auf neue Texte haben

von Daniel Bayerstorfer

Eine noch junge Lesereihe in Köln stellt Babelsprech-Autor Daniel Bayerstorfer vor. Der Artikel erscheint im Rahmen einer Reihe von Veröffentlichungen auf unserer lyrix-Seite, die euch die Lyrikszene jenseits des Establishment näherbringen will. Kuratiert wird sie von Max Czollek.

Seit mittlerweile zwei Jahren (seit Oktober 2014, um genau zu sein) kann man, tuckert man auf einem Rheindampfer der Stadt Köln entgegen, ein literarisches “Land in Sicht!” ausrufen, denn im Café Fleur in der Lindenstraße findet tatsächlich einmal pro Monat eine Lesereihe gleichen Namens für junge Literatur statt. Das ist, verglichen mit vielen anderen unabhängigen Lesereihen in Deutschland, ziemlich häufig. Möglich gemacht wird das von einem Organisationsteam von fünf Leuten. Mario Frank, Franziska Haag, Kevin Kader, André Patten und Lara Schmitz vermissten in Deutschlands viertgrößter Stadt noch eine Plattform für junge Autor*innen und schufen sie sich kurzerhand selbst, eben: „Land in Sicht!“

„Wir wollten eine junge Lesereihe starten, zu der wir und unsere Freund*innen auch selbst gern gehen würden.“ So André Patten, der selbst am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert und das ansonsten in Köln beheimatete Ensemble komplettiert. Die Besucherzahlen geben den Organisator*innen recht. Die Lesung erfreut sich trotz, oder gerade wegen, der Regelmäßigkeit der Veranstaltung großer Beliebtheit. Sie hat sich neben dem ortsansässigen Literaturhaus, Adrian Kasnitz’ Literaturklub (ebenfalls monatlich), Christoph Dannes gegenlichtlesen und hellopoetry als fester Bestandteil der Kölner Literaturszene etabliert und vielleicht mit dafür gesorgt, dass man weiterhin von einer solchen sprechen kann.

„Wichtig war uns: einen Ort der Begegnung zu schaffen für diejenigen, die Lust am Schreiben und Lust auf neue Texte haben (also kein Ort, an dem Autor*innen andere Autor*innen vorlesen, ein offener Ort als Zugang zu neuer Literatur). Wir wollen dem Publikum ein möglichst breites Spektrum junger Literatur bieten. D.h., wir suchen nicht zwingend immer nur das aus, was uns am allerbesten gefällt, sondern schauen auf Vielfalt. Natürlich ist die Grundlage literarische Qualität. Es ist aber egal, ob jemand schon mal was veröffentlicht hat, um bei uns zu lesen.“, meint ebenfalls André Patten. Vertreten sind die Gattungen Lyrik, Prosa, Drama und literarischer Essay. Die jeweils vier Teilnehmer*innen für einen Abend werden durch Einsendungen ausgewählt, wobei es den Organisator*innen wichtig ist, gerade auch Autor*innen aus der Region eine Bühne zu geben. Von der ersten Veranstaltung an wurde die Lesereihe vom Kulturamt der Stadt Köln gefördert, wodurch die Literatur hinsichtlich der institutionellen Aufmerksamkeit zur bildenden Kunst und der Musik aufschließen konnte.

Nach den Lesungen bietet das Café Fleur die Gelegenheit zum Austausch unter Lesenden und Zuhörer*innen. Da keine Diskussionen während der Veranstaltung vorgesehen sind, hat sich die Verlagerung der Gespräche auf die Stunden danach als gelungene Abendgestaltung erwiesen. Die Einführungen zu den Texten und den Autor*innen werden knapp gehalten und lassen der Literatur selbst den Raum, den sie verdient. Niederschwelligkeit wird bei Land in Sicht großgeschrieben und die Vernetzung von Künstler*innen und Interessierten bildet das Kernelement der herzlich zu empfehlenden Veranstaltung.

Im Zusammenhang mit jungen Lesereihen steht auch ein neues lyrix-Projekt: lyrix.Fernsprecher. lyrix vermittelt in die Ferne und möchte zukünftig den Lyriknachwuchs dabei unterstützen, seine Texte nach außen zu tragen. Mit Portfolios werden aktuelle und ehemalige lyrix-Preisträger*innen vorgestellt, um sie als Autor*innen an unabhängige Lesereihen in ganz Deutschland zu vermitteln (lesereihen.org). Dort können sie nicht nur neue Kontakte in die junge Lyrikszene knüpfen, sondern ihren Texten in neuen Formaten und an neuen Orten eine Stimme verleihen. Die unabhängigen Lesereihen sind von Autor/innen selbstorganisiert und bieten so einen alternativen Raum für Anerkennung und Vielfalt, den institutionelle Träger und Wettbewerbsstrukturen nur bedingt gewährleisten können.

Hier noch ein paar Foto-Eindrücke aus dem Café Fleur und ein
Veranstaltungs-Video.