And the winner is… Die Preisträger der neunten Wettbewerbsrunde

Wir gratulieren! Zum neunten Mal hat die lyrix-Jahresjury 12 Jahrespreisträger*innen ausgewählt! In diesem Monat fahren sie mit uns nach Berlin auf ein langes Wochenende mit Preisverleihung, Schreibwerkstätten, Lesungen und vielem mehr. 

Die 12 Gewinner*innen der neunten Wettbewerbsrunde werden einen Tag im Literarischen Colloquium Berlin verbringen, an dem Anja Kampmann und Norbert Hummelt in einer mehrstündigen Schreibwerkstatt ihre Erfahrungen mit unseren Gewinner*innen teilen und mit viel Sorgfalt und Ruhe ihre Texte besprechen. Ein weiterer Höhepunkt der Reise wird die Preisverleihung in der Akademie der Künste (Clubraum) im Hanseatenweg, die am 23. Juni 2017 um 14.00 Uhr im Rahmen des poesiefestivals berlin stattfinden wird.

Ausgewählt wurden die Preisträger*innen von unserer lyrix-Jahresjury, die sich dieses Mal aus Malte Blümke für den Deutschen Philologenverband, Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin, Matthias Gierth als Leiter der Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk, dem Lyriker Norbert Hummelt, Claudius Nießen für das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, der Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbunds, Anja Schaluschke, sowie der Autorin und Verlegerin Daniela Seel zusammensetzt. Wir danken an dieser Stelle allen Juror*innen für ihr Engagement!

Herzlich bedanken möchten wir uns auch bei all unseren Teilnehmer*innen. Wir freuen uns über eure ehrlichen, tiefgründigen, witzigen, cleveren, schönen und originellen Beiträge zu unserem Wettbewerb, in denen ihr euch mit unseren wechselnden Monatsthemen kreativ auseinandersetzt!

Und jetzt Bühne frei für die diesjährigen Gewinnergedichte und herzlichen Glückwunsch euch Zwölf!

die schlange ist tot, aber du verwandelst dich schon

Josephine Bätz

1996, Thema: Es beginnt mit einem Biss

gott hast du salzschleier vor deinen zähnen
wie gitterstäbe die schneiden ins zahnfleisch
und trennen das flüchtige raus bis blut fließt.

manchmal rücken die häuser zusammen und
machen dir platz weil du sprachlos bleibst
und deine tritte sind leicht für asphalt der kennt das.

die tinte ist trocken behauptet der teufel
und streicht im vorbeigehen über
schmetterlingsflügel; er treibt seinen lohn ein.

Leaving

Victoria Helene Bergemann

1997, Thema: Die Lautheit der Zweibeiner

start spreading the news
i am leaving today

Wir sind ja immer wach gewesen
das kann uns keiner vorwerfen
wach gewesen
wir waren auch laut
in dieser stadt
das kann uns keiner vorwerfen

wo das nachbarschaftsfest das highlight ist
die hecke perfekt gestutzt
wo man mit 50 den altersdurchschnitt senkt
und mit 15 vorm rewe rumhängt
wegen der perspektiven
die fehlen
wo sie hin sind?

hat irgendwer mit ins grab genommen
uns zumindest nicht
das kann uns keiner vorwerfen
in dieser stadt
wir waren wach
in dieser stadt
die immer schläft

wir waren ja wach
das kann uns keiner vorwerfen
nur waren wir nie laut genug
um diese stadt aufzuwecken

start spreading the news
i am leaving today

das hast du für mich an alle wände gesprüht
während alle anderen geschlafen haben
wir waren wach
das kann uns keiner vorwerfen

wo alle schon vorher wissen
was in nachbars garten passiert
woher sie es gewusst haben
habe ich dich gefragt
dass sie überall augen haben
hast du gesagt
und fantasie

start spreading the news
diese stadt ist tot
lauter bitte
i am leaving today
denn ich war zu lange wach
um alle aufzuwecken
lauter
aber nie laut genug

ich war ja wach
das kann mir keiner vorwerfen
nur waren wir nie laut genug
um diese stadt aufzuwecken

dann sind wir geflohen
wie all die anderen
die den altersdurchschnitt gesenkt hätten
start spreading the news
uns nimmt keiner mit ins grab
in dieser stadt

kleinstadt kleinstadt
i am leaving today

haben dabei an new york gedacht
nur unsere stadt
die schläft immer
ich bin rechtzeitig gegangen
das zumindest
kann mir keiner vorwerfen

Moabit

Tom Bussemas

2002, Thema: Zwischen Gut und Böse

An den Straßen dieser Stadt
wachsen viele Wände steil empor
Häuser räkeln sich gen Himmel
beschatten Gassen und Wege
wie Augen schauen die Fenster herab
wie Münder öffnen sich Tore und Durchgänge
hier schlüpfen die Menschen
der heimatlichen Stube entgegen

Eine Straße dieser Stadt
führt an trostlosem Mauerwerk entlang
hoch ist es und stark bewehrt
geschmückt mit geschwungenen Schlaufen
einer Krone gleich
verziert mit scharfen Klingen, die in der Sonne blitzen
Augenlos
Münderlos

In den Straßen dieser Stadt
wechselt Licht und Schatten
nicht nur im Tageslauf
und Mondenschein
Wohlwollen und Fröhlichkeit
lassen uns die Schritte beschwingt setzen
Kälte und Gewalt
erschauern und flüchten

Welche Mächte dieser Stadt
urteilen über Gut und Böse?
Welche Zwänge bringen Menschen
hinter Gitter?
Die Gradwanderung
ist mitten unter uns
wie der Knast
Alt-Moabit 12 A

In diesem Bau
eine Diebin
ja, sie hat geraubt, immer und immer wieder,
um die hungrigen Kinder zu versorgen
in diesem Bau
ein Mörder
er hat getötet, um frei zu sein
vor den Misshandlungen des Vaters

In dieser Stadt gibt es viele Wahrheiten
viele vorschnelle Urteile
hell und dunkel
schwarz und weiß
und eine Menge Zwischentöne
die auch gehört werden wollen
gut und böse
Wer zieht die Grenze?

Wir selbst

Am Tümpelsee

Lena Marie Hinrichs

2000, Thema: Die Lautheit der Zweibeiner

Am Tümpelsee
Da wo das Schilf wächst und
Die vielen Gräser die die
Kleinen Büsche umranden die
Keiner bestimmen kann
Da wo sie etwas wie
Eine Reling gebaut haben
Damit auch keiner
Fallen kann
Da wo sie hingehen um
Zigaretten zu verstecken und
Worte leise klingen zu lassen und
Stille Luft zu atmen
Da ist der Weg um den
Wir immer verstecken spielten
Und glaubten die Büsche bestimmen zu können
Und leise Worte laut wurden

Am Tümpelsee
Da wo das Schilf endet
Haben sie einen Platz gebaut
Mit nur einer Bank
Weil das kein großer Ort ist
Einer wo man Geschichten liest
Und welche schreibt
Und wahre verschweigt

Am Tümpelsee
Wächst kein Schilf mehr
Niemand könnte Büsche bestimmen
Leise wurden sie
Entfernt
Und wir Kinder schrien laut
Weil da jetzt nichts mehr ist
Nur eine Fläche
Deren Stille
Nicht lauter sein könnte

Am Tümpelsee
Welcher Tümpelsee fragt
Mein Kind
Alte Schreie verhallen und
Neue werden
Nie erklingen, unsere
Stimmen
Ausgetrocknet

Ita est

René Kartes

1996, Thema: unhintergehbar

auch deine eltern hatten
mindestens einmal zahlungsverkehr
die geburtsurkunde ist ein wertpapier:
jemand hat dir den wechsel
in die wiege gelegt

je mehr du hast 
desto mehr gibst du aus
von einem lebenslohn
bleibt nicht viel übrig

bei der geburt erhältst du
ein darlehen, der betrag 
kann variieren, heute lebt man
auf pump, kredithaie, die mit
karten kleine fische angeln

trotz omas goldzähnen 
auf dem zahnfleisch gehen
bankgeheimnis ist, was
am ende des tages bleibt

morgens ab 5:30 spielst du
monopoly, einzig die bank ist
jede runde unhintergehbar

Modern Fairytales

Gerrit-Freya Klebe

1996, Thema: Es beginnt mit einem Biss

Es war einmal
eine Königstochter,
die allen Kindern als das
Schneewittchen
bekannt war.
Ihre Geschichte beginnt zwischen zwei Buchdeckeln
und endet beinahe
mit dem Biss in einen Apfel.
Rot und saftig, lecker und –
vergiftet.
Die böse Stiefmutter wollte sie umbringen.
Doch in einem modernen Märchen
würde das nicht passieren:
Schwarze Haare, blasse Haut und rote Lippen
sind zwar wieder im Trend,
Modezeitschriften feiern den Schneewittchen-Look für den Winter.
Doch eine Prinzessin von heute würde zuerst
ein Selfie mit der bösen Stiefmutter machen
und auf Instagram posten.
Dann würde sie den Apfel kunstvoll kleinschneiden,
auf einem Teller drapieren und fotografieren.
#foodporn #healthy
Und jetzt noch schnell googeln,
wie viele Kalorien so ein Apfel wirklich hat.
Auch die Zwerge wären immer online
und würden sich wundern,
wer da zu Hause bei ihrer Mitbewohnerin ist.
So könnten sie rechtzeitig in die 8er-WG kommen
und die böse Stiefmutter überführen.
Ein Boulevard-Blatt würde titeln:
„Lesen Sie jetzt, warum Äpfel ungesund sind.“

Friedhelm‘s Truck Stop

Alison Kuhn

1995, Thema: Die Lautheit der Zweibeiner

Sie, mit Augenringen, raucht vor
einer quietschgelben Spielhalle
Laster neben der Waschanlage
Er, in Friedhelm’s Truck Stop, isst
Schnitzel ab drei Euro hinter
verdorrten Pflanzen auf der Terrasse
Überfüllte Mülltonnen
Männer in orangefarbenen Westen
Rostige Metallplatten im Wind
Mitten darin ein grüner Fleck Wiese
Wildrosenknospen
Unverdorrt, unberührt, rein

Von oben eine ganze Stadt

Katinka Kultscher

1999, Thema: Such ich von oben Muster

Ein Kreuzungsknäuel, schlecht gelungen a
spaghettileichig hat es sich b
tief in den Augen festgeschlungen a
längst tot und stinkend widerlich. b

Doch wagt man einen Lupenblick c
hinein in den erstarrten Wurm, d
so krabbelt Leben, träg´ und dick, c
auf Wegen, Bäume, Glockenturm. d

Vergrößert man nun dieses Treiben e
– zoomt rasch heran an Menschenhaar – f
so sieht man, wie sich Stränge reiben e
an Hautpartikeln, Fett… – bizarr! f

Und rillenhaft durchzieht den Kopf g
ein Nest aus Falten, noch von oben, h
denn unter einem solchen Schopf g
schon immer die Gedanken stoben. h

Sie fressen, beulen, kratzen, heulen, i
das ist ewig, das ist Norm, j
erkennen leicht in dieser Strophe ← Tod dem Perfektionismus
auch die fehlende Reimform. j

Du bist wie Salz (Weg zur Kapelle)

Moritz Schlenstedt

1996, Thema: Zwischen Gut und Böse

Die Anmut deiner Finger
wenn sie von Stirn zu Brust
Schulter zu Schulter
verstohlen Zeichen setzen
Dein Duft von Quitten
Der Dutt auf deinem Kopf, der mich
mit einflicht
(Mit dir voran sind meine Schritte fester)
Die Fürsorge deiner Augen
wenn sie von Vater zu Mutter
Kind zu Kuppel
über Sandstein streifen
Dein blaues Kleid
Die letzte Herbstsonne
die ich hinter die Kapellenfenster denke
Der Frost in deinen Augen
die Kühle des Gestühls
die Unerbittlichkeit deiner Hände
wenn du sie in meine schränkst
pochen mit unserer Einkehr
überbeben den Verlust
Du bleibst wie Salz auf unserer Trauer

T-Shirt-Tage

Julia Marie Weber

1996, Thema: was fehlt

einmal klingelte Frau D. und ich kam
in ihr Zimmer um sie zu fragen was
ihr denn fehle
sie saß im Rollstuhl vor ihrem Kleiderschrank der
geöffnet war eine Seite davon verdeckte ihr Gesicht
und sie sagte Tage
um diese T-Shirts zu tragen und sie zeigte auf
ihren Schoß in dem gestreifte karierte
unifarbene gepunktete T-Shirts lagen
ihr Gesicht erschien hinter der Schranktür
wenn Sie wüssten das wäre Ihr letzter Tag
könnten Sie sich dann entscheiden welches
Sie tragen würden
ich schluckte ihre Augen sahen ganz verglimmt aus
und ihre Stimme klang heiser so heiser wie eine
junge Stimme klingen kann
ich fuhr sie ins Bad und sehr sehr lange
sah sie sich im Spiegel an
zählte die T-Shirts und die Tage die es
gegeben hatte um sie zu tragen und die
an denen sie keins davon getragen hatte weil es
zu kalt gewesen war
am nächsten Tag starb sie es war Winter
Dezember vor einem Jahr Flocken fielen
die Tannen hoben ihre Äste wie Arme
und es wäre zu kalt gewesen
um T-Shirts zu tragen

error overflow

Anne Magdalena Wejwer

1997, Thema: was fehlt

ich sitze auf dem dach
an den wolken kratzend
drehe ich mir eine zigarette
aus fünfhundert euro
der himmel ist sternenklar
aber das ist mir egal

unter mir liegt die stadt
sie könnte mir gehören
aber was sollte ich damit
ich hab doch schon alles
wieder werfe ich etwas geld
aus den fenstern die nicht da sind
fühle mich wie frau holle
doch der mann im mond
streckt mir die zunge raus
zerstört meine illusion

die sterne baden im whirlpool
flugzeuge kreuzen den himmel
ich bin ein ikarus
das gold klebt schwer an meinen flügeln
wie die sonne verglüht das leben
es bleiben nur kalte zahlen auf dem konto

black friday

der könig der superlative thront über der stadt
kratzt mit manikürten fingern an den wolken
die es nicht gibt
nur geld und gold und glanz
und mittendrin ein armer reicher
und der bin ich

unter mir das lichtermeer
sterne wie gold in meinem keller
glück ist antiproportional
denn je mehr ich habe
desto näher stehe ich der kante
meine flügel tragen mich nicht mehr
ich kann nur fallen
siebenundzwanzig stockwerke abwärts

überall sterne

schöner als gold
denke ich
und ertrinke
in meinem überfluss

Ohne Worte.

Jing Wu

1995, Thema: Das Tor in deiner Sprache

in schwarzen nächten leuchtet schnee
noch unschuldig und ohne spur
wird die dunkelheit geweckt
von einem kind das bei sich nur

ein kleines album trägt in dem
sorgsam jene worte wohnen
die vor der hektik gut versteckt
auf weichen sanften seiten thronen

wenn der mond am himmel leuchtet
wenn hund und katz schon träume träumen
geht das kind den berg hinauf
blickt über dörfer und den bäumen

in solchen nächten findet es
die leisen und vergessenen worte
die der nachtwind aufwärts trägt
zum hohen berg an jenem orte

sinkt eins allein zu boden nieder
und das kind hebt es dann auf
legt das wort ins kleine album
blickt zum sternenhimmel auf

wenn worte wider wände hallen
trotz der macht des widerstands
wenn winde lettern westwärts tragen
ins nirgendwo ins nimmerland

dann gibt das kind – die sammlerin der
worte diesen ein neues heim
es weiß durch den schatz der sätze
ist es nie wirklich allein

irgendwann und irgendwo
wird das kind die liebe finden
und ihr dann all die worte geben
um sie damit an sich zu binden

nach jahr und tag trifft es auf sie
am straßenrand mit tiefem blick
das kind das öffnet seinen mund
um zu sprechen doch spricht es nicht

stattdessen sehen sie sich nur an
musik schwillt langsam an zum forte
wenn zwei dieselbe sprache sprechen
verstehen sie sich auch ohne worte.