And the winner is… Die Preisträger der achten Wettbewerbsrunde

Zwölf der Monatsgewinner von 2015 fahren im Juni 2016 mit uns nach Berlin. Sie erleben dort mit uns ein verlängertes Wochenende mit Preisverleihung und der Teilnahme an Schreibwerkstätten mit renommierten Lyrikern.

Als Gewinner der achten lyrix-Wettbewerbsrunde verbringt ihr einen Tag im Literarischen Colloquium Berlin, wo abends in einer Lesung die Texte aus der Schreibwerkstatt mit Norbert Hummelt und Anja Kampmann präsentiert werden. Weitere literarische Programmpunkte rahmen die Preisverleihung ein, die in der Akademie der Künste am Freitag, 10.Juni um 14 Uhr stattfindet.

Ausgewählt wurden die Preisträger von unserer lyrix-Jury, die sich dieses Mal aus Malte Blümke für den Deutschen Philologenverband, Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin, Matthias Gierth als Leiter der Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk, dem Lyriker Norbert Hummelt, Claudius Nießen für das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, der Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes, Anja Schaluschke sowie der Autorin und Verlegerin Daniela Seel zusammensetzt. Wir danken allen Juroren für ihr Engagement!

Nicht zu vergessen ist das große „Dankeschön“ für jedes Gedicht, das bei uns ankommt, auch wenn es nicht als Gewinnergedicht veröffentlicht wird. Wir freuen uns über eure rege Teilnahme an unserem Wettbewerb und über eure kreativen, originellen, schönen, klugen und wahren Texte, mit denen ihr unsere wechselnden Monatsthemen interpretiert.

Das lyrix-Projekt gibt es seit 2008, initiiert wurde es vom Deutschlandfunk und dem Deutschen Philologenverband, wichtiger Kooperationspartner ist der Deutsche Museumbund. Inzwischen wird es als Bundeswettbewerb vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist seit Oktober 2015 offiziell der Verein lyrix e.V.

Voilà, die diesjährigen Gewinnergedichte:

chronik unserer Freundschaft

Laura Bärtle

1999, Thema: best friends: farbfamilien / merkt man sich

unterm bett versteckt
staubflusen im haar
flausen im kopf
nachbarn erschreckt
aus mülltonnen
flüstern aus schlafsäcken
dein aquarium summt
stumm schlummernd nebeneinander
rücken aneinander
unsere erste große liebe
später würden wir ihn beide heiraten
popcornschlachten
dachten aneinander entlang
so lang
das schweigen in der bahn
einsteigen aussteigen sitzen bleiben
stummes leiden
doch ich hör die tränen in deinem lachen
vormachen? Kannst du mir nichts
stiegen um von tee auf bier
und ich schenk dir reinen wein ein
während wir unter sternen liegen
im schlafsack flüstern
rücken gegeneinander
„weißt du noch damals?“

Dass ich Apfelsaft mag

Victoria Helene Bergemann

1997, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung

Ich wollte dir nur sagen,
dass ich Spiegeleier mag
und Apfelsaft – naturtrüb.
Und dass ich manchmal nachts aufgestanden bin
und dann auf dem Dachboden
Mamas alte Kisten durchsucht habe
nach irgendetwas, das
noch nicht kaputt war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich es schön fand wie
wir beide ganz weit raus fuhren aufs Land,
wo keiner mehr wohnen will
wegen der Atomkraftwerke.
Wie wir in der Sonne saßen
und die Wolkenberge durchsuchten
nach irgendetwas, das
nicht vorbeiziehen wird.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich noch oft an diese Tage denke,
an denen wir versuchten,
so tief auf den Boden des Teichs zu tauchen,
dass wir unsere Hände im Schlamm vergraben konnten.
Wie wir die feuchte Erde untersuchten
nach irgendetwas, das
noch nicht verwest war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass die Wände hier sehr grau sind,
grauer noch als dein Strickpullover.
Und dass ich manchmal nachts aufstehe,
weil das Licht an ist.
Dass ich nicht mehr weiß,
ob es Nacht oder Tag ist
und einsam bin,
dass niemand mit mir spricht.
Dass ich manchmal schreie und weine,
dass ich mir meine Arme aufkratze.
Dass ich bluten will
bis ich in meinem eigenen Blut ertrinke.
Ich wollte dir nur sagen,
dass ich dein Grab besuchen werde
wenn ich frei bin, auf der Suche
nach irgendetwas, das
von uns geblieben ist.

mousefalle

Tom Bussemas

2002, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
die Welt steht offen
der Horizont ist weit
Erlebnisse frei Haus!

Viele Stunden
gefesselt am Stuhl
starrer Blick
kaum einen Meter weit
kleiner Spielraum
nur das Klicken des Fingers…

Tausend Freunde
in meiner Liste
viele chats
unbekannte Spielpartner
aber mein Leben
einsam und leer.

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
niemals real
mein Horizont
nur virtuell

16 : 9

honigsüß

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen

2000, Thema: Unpolitische Lieder ?!?

meine sonne verdunkelt sich
der morgen atmet trauer
meine hände zittern
ich sing mein lied
sing es still
weil keiner
es hören will

integration
inklusion

große worte
keine taten
verschlossene türen
keine auskünfte
der wind flüstert
hoffnung

verstummt

honigsüß wird
hart geurteilt
ausgegrenzt
zurückgewiesen
nicht verstanden
kämpfen macht so müde
ein inferno tobt in mir
ich wünsche mir

dass

die die an den schaltstellen sitzen

„1 jahr in meinen schuhen laufen“

wer ist gescheitert
unser system oder ich
persönliches budget
sozialstation
integration
inklusion
es tut mir leid
dafür sind wir nicht zuständig

meine mutter denkt immer
ich merke es nicht
wenn sie wieder einmal
für mich weint
über die vielen
neins
über den paragraphendschungel
der so voll wilder tiere ist
dass man daran
scheitern muss

lange hab ich überlegt
soll ich die welt
konfrontieren mit mir
und all denen
die keine worte finden
deren hände zittern
deren sonnen morgens
schon untergehen
die das flüstern des windes
nicht hören können
die der paragraphendschungel
erschöpft
weil zu viel zeit
zu viel trauer atmet

dann …
dachte ich

was macht die welt mit mir
mit uns
die am rande leben
sie macht die augen zu
reitet auf schlüpfrigen
paragraphen
von amtsstube
zu amtsstube

schmettert ab
honigsüß

Frühlingssymphonie

Julia Fourate

1994, Thema: Einklang – Zweiklang – Nachklang

Ich fall‘ auf deine Haut
und das Nichts fällt herein,
denn
gemeinsam vergeht uns der Atem,
wenn die Zeit uns verhüllt,
dann erkenne ich dich,
wenn die Jahre uns finden,
dann findest du mich,
mit den Augen
der Leere,
die voll ist von mir,
deine Augen
der Ferne,
in denen ich wohne.

Es klingt wie ein Lied
aus vergangenen Tagen,
wenn du deine Worte
in meinen verschränkst,
wir wissen zu kennen
und nennen doch nicht,
die ferne
Bekannte,
die Hände des Nichts,
wir versuchen
uns nicht zu erkennen.

Du fällst aus der Sonne,
und das Licht fällt mit dir,
die fremde Vertraute
sie kennt dich nicht mehr,
Unendlichkeit tragen wir
in unsrem Atem,
und trinken das Nichts
von den Lippen der Zeit.

Unpolitisches Stimmungslied

Lena Hinrichs

2000, Thema: Unpolitische Lieder?!?

I.

Wir haben unsere Hymne
Vergessen, können die Melodie gerade so mitsummen im
Sirren zwischen Bienen und dem Kühlschrank
Googlen wir den Text, nein, geht
Auch ohne, denn was geht uns der Staat
Schon an
Der macht doch eh was er will und wir
Vertrauen nicht dem was wir gewählt haben, wir
Wählen auch nicht, wen auch, es
Gibt keinen in diesem Land und
Wahlplakate sind doch eh nur schön
Gedruckte Seifenblasenversprechen, wir
Passen lieber auf, nicht
Auszurutschen auf dem nassen Boden geplatzter Versprechen und
Sagen erstmal nein, bevor es
Vielleicht doch schön werden
Könnte
Oder auch nicht

II.

Wir und der Staat und
Gesetze und
Wir nehmen uns Freiheit
In diesem Land
Danach strebten wir schon
Unser ganzes Leben lang
Du und ich ohne
Irgendeinen Staat

o.T.

Patricia Machmutoff

1996, Thema: Neue Waffen alter Helden

I
Ich geh mit meiner Pistole und meine Pistole mit mir
da oben leuchten die Sterne
und ich diskutiere nicht gerne
ich schieße jetzt und hier

II

Gun control is Fun control
every night on my patrol
I shoot words like bullets
into other people’s chests

III

Wir kämpfen stets den gleichen Krieg
gut gegen böse gegen allesistrelativ
traditionell wird er mit Gewalt und Kämpfen ausgetragen
heute wie damals
doch nach den Wasserstoffbomben
und den verletzenden Worten
erkannten wir die grausamste Waffe
im Schweigen
Oh, wie wir uns mit ihm foltern
gemeinsam am Frühstückstisch
zwischen Kaffee, Müsli
und der simplen Brutalität der Stille
die tausend uns von innen zerfetzenden Gedanken
erfordern ein Maximum an Selbstbeherrschung
um nicht ausgesprochen zu werden
bald sind wir schon taub geworden
von der Lautlosigkeit
Mangel an Worten wie fehlende Gliedmaßen
Kriegsverletzung – invalid
schwere Blicke ziehen mich hinunter
ob wir nicht eigentlich für das selbe kämpfen?
wollten doch beide einst die Welt retten
aber ohne fehlen mir die Waffen
und ohne dich fehlt mir die Kraft
in Wirklichkeit kann ich weder
Held noch Schurke sein
noch in einem Krieg kämpfen
denn ich habe beschlossen
Pazifist zu sein
und vegan

Angst/Mut (Für meine Eltern)

Jürgen Rauscher

1998, Thema: Neue Waffen alter Helden

Ich tauche ein in leere Weiten,
sie geben Tiefen, doch nie Gründe auf.
Muss immer weiter in sie schreiten
Schaffe ich den Sprung hinaus?

Ich sinke immer tiefer ein
in eine Welt, die mich verletzt.
Ich glaube nur noch meinem Schein,
der mit mir durch die Stunden hetzt.

Es scheint mir nämlich jederzeit,
dass hinter mir ein Dämon steht,
der nach nur kurzer Ruhezeit,
beständig meiner Wege geht.

Der Dämon kann Gedanken leiten,
und macht so lang schon Gutes schlecht,
doch ich werd‘ aus den Fesseln gleiten:
Ich geb ihm einfach nicht mehr Recht!

Das Heldentum ist mir nicht eigen,
doch manchmal packt mich eine Kraft,
will mir die eine Route zeigen,
die mich führt zu alter Macht.

Mit meiner, dieser großen Waffe,
gelingt, was oft unmöglich ist.
Ich weiß, dass ich es endlich schaffe
Dem Leiden nun ein Ende ist!

Dieses Schwert lebt schon sehr lange
und umgibt mein ganzes Tun
Und wenn ich um so vieles bange,
scheint es gegen Furcht immun.

Das Seil an dem ich mich festhalte,
das mich aus tiefer Angst befreit.
Es hat einen besond’ren Namen:
Liebe und Beständigkeit

Liebe kann so vieles geben,
und gibt manchmal mir Kriegermut,
Beständigkeit kann Kräfte leiten,
ich glaube dran: es wird bald gut.

Ich frag mich, wohin alles führt,
bewaffnet geh ich in die Kriege.
Doch eines, was mein Herz berührt:
Ich weiß, dass ich die Angst besiege!

[auf dem bahndamm]

Ansgar Riedißer

1998, Thema: Vielleicht ist Heimat …

auf dem bahndamm hinterm haus ziehen züge überland
bringen ratternd diesen ort ins wanken lassen einen leichten wind
zurück der die scheiben klirren lässt. bist du noch da? fragt mutter
und tastet nach dir. und hier sind die gepackten koffer
und die fremde hinterm hauptbahnhof. wenn ich bleibe
kommst du dann zurück? aber du bist längst ein rattern
hinterm haus als mutter ihre koffer packt und in die andre richtung fährt.

draußen ziehen die septembervögel knapp der hitze hinterher
heimwehkrank nach einem heim das niemand kennt.

Fischer

Moritz Schlenstedt

1996, Thema: Kampf um den Ruhm

Manchmal liebkost dein glattes Leben
meinen Arm gleich einer Angelschnur
an ihr baumeln stumm die Schemen
deines Erfolgs in zartblauer Gravur

Ich würde sie gerne ein wenig betrachten
staunen, mich freuen, mit dir genießen
doch ich erwarte gierig eigne Frachten
um meinen Ruhm in Form zu gießen

Darüber entgeht mir das schwache Zittern
wenn sich bei dir ein Hai verfängt
wenn du kämpfst, später auch verbitterst
und mein Autismus das Wir erhenkt

Verzeih mir doch, ich bin kein Fischer
bin nur einer, der vom Träumen lebt
ich fange eine Perle und bin sicher
das ist deine Träne, die dort klebt

Meine Netze bleiben knittrig liegen
die Binsen wachsen schon hindurch
dann sehe ich eine Möwe fliegen
und wende mich, doch du bist fort

Das denke ich zumindest leise
während wir dort beim Fischen sind
wir warten auf recht verschiedene Weise
und dazu weht ein atlantischer Wind

o.T.

Aaron Schmidt-Riese

1995, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung

gemeinsam
sitzen wir
im waggon
der u-bahn
es spielt andere musik in
jedem kopf
hörer
es leuchten andere farben auf
jedem bild
schirm
alle kommunizieren aber
nicht miteinander
jeder mit einer anderen
freundin aber
nicht hier
die wohnt doch in amerika
let’s keep in touch
on the screen
talk face to face
book
abgekapselt
nicke ich mit dem kopf
im rhythmus meiner musik
abgeschirmt
schreibe ich gefällt mir
unter ein bild von emely
ich höre die schreie nicht
ich sehe nicht was um mich geschieht
gemein und einsam
sitzen wir
abgekoppelt
im waggon
der u-bahn
endstation
gesellschaftliche isolation.

er presse freiheit

Jing Wu

1995, Thema: Unpolitische Lieder?!?

mama, wer ist der mann
auf dem bild?
ein fremdes lachen, ein kuss, augenblick-
lich lichtet sich die wohnung, das grinsen
beschallt den raum und verhallt. ach der,
mein kind, ist wen ich im traum
vor mir stehen sehe.

mama, wo ist der mann
in diesem moment?
er, mein kind
ist längst nicht mehr hier.
er sitzt zwischen vier wänden
aus reißfestem papier –
der einstige schreiber
erstickt am eigenen wort.

mama, was hat der mann
schlimmes gemacht?
die wahrheit gesagt und den funken entfacht,
doch damit, mein kind, hat er eines tages
ein lügendes system gegen sich aufgebracht.

mama, wann kommt der mann
wieder frei?
dein papa
ist eingesperrt zu ihrem gefallen,
doch kommt er wieder, mein kind, wenn die
anderen fallen.
ich spüre verschwommene hoffnung
morgens im licht

– die presse beugt sich lügen nicht.